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Bettina Lange, Nina Weller, Georg Witte (Hrsg.) nicht mehr neuen Menschen Bettina Lange, Nina...

Date post:25-Aug-2019
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    4mm 15mm

    Bettina Lange, Nina Weller, Georg Witte (Hrsg.)

    Die nicht mehr neuen Menschen Russische Filme und Romane der Jahrtausendwende

    Wiener Slawistischer Almanach · Sonderband 79

    148mm 2mm

    21 0m

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    4mm

    ISBN: 978-3-86688-251-5 ISBN (eBook): 978-3-86688-252-2 Worldwide Distributor:

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    15mm

    Serving libraries since 1947 KUBON & SAGNER

    W SA

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    B 79

    17,5mm

  • Die nicht mehr neuen Menschen

    Russische Filme und Romane der Jahrtausendwende

    Herausgegeben von Bettina Lange, Nina Weller

    und Georg Witte

    Wiener Slawistischer Almanach Sonderband 79

    München – Berlin – Wien 2012

  • wiener slawistischer almanach literaturwissenschaftliche reihe sonderband 79 Herausgegeben von Aage A. Hansen-Löve

    lektorat Tarek Münch (Zürich)

    anfertigung der druckvorlage Florian Ruppenstein (Berlin)

    redaktionsadresse der reihe Institut für Slavische Philologie, Universität München, Geschwister-Scholl-Platz 1, D-80539 München Tel. 49/89/2180 2373, Fax 49/89/2180 6263

    Die Publikation und das Forschungsprojekt „Die nicht mehr neuen Menschen. Fiktionalisierung von Individualität im postsowjetischen russischen Film und Roman“ wurden gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

    Umschlagabbildungen: aus Rusalka (Anna Melikjan, 2008) © www.trigon-fi lm.org

    eigentümer Gesellschaft zur Förderung slawistischer Studien (Wien) Liechtensteinstraße 45A/10, A-1090 Wien Tel/Fax +43/1/94 67 232

    verlag Verlag Otto Sagner, c/o Kubon & Sagner Heßstrasse 39-41, D-80798 München verlag@kubon-sagner.de, Fax +49/89/54 218 226

    druck Difo-Druck GmBH Laubanger 15, D-96052 Bamberg

    © Gesellschaft zur Förderung slawistischer Studien Alle Rechte vorbehalten

    isbn 978-3-86688-251-5 isbn (eBook) 978-3-86688-252-2

  • inhalt

    Bettina Lange, Nina Weller, Georg Witte Chancen, Taktiken, Umwege. Lebensentwürfe im russischen Film und Roman der Jahrtausendwende ..................................................5

    Ellen Rutten Post-Communist Sincerity and Sorokin’s Thrilogy ..............................27

    Henrike Schmidt Ein Jahr im Leben des Evgenij Griškovec. Inszenierte Authentitzität und die Rückkehr der Aura ...........................................57

    Christine Gölz Ernst als Spiel oder Helden der Nuller Jahre: Evgenij Griškovec’ Rubaška (Das Hemd) ..............................................................................85

    Svetlana Sirotinina und Nina Weller Heimatsuche und Raumaneignung bei Aleksandr Iličevskij und Aleksej Ivanov .........................................................................................111

    Eva Binder Ambivalente Akte der Selbstbefreiung: Jur’ev den’ (Yuri’s Day) von Jurij Arabov und Kirill Serebrennikov .......................................... 143

    Matthias Meindl »Wenn der Wind erzählt«. Der ›Raum‹ und die nicht mehr neuen Menschen in Julija Kolesniks Nižnjaja Kaledonija (Unteres Kaledonien) .........................169

    Miriam Finkelstein und Nina Weller Ein Schiff wird kommen! Mythopoetische Dekonstruktionen und Neukonstruktionen russisch-jüdischer Identität in Oleg Jur’evs Roman Vineta (Die Russische Fracht) ....................................... 187

  • Inhalt4

    Eva Hausbacher Seelenoptik: Marija Rybakovas Briefroman Anna Grom i ee prizrak (Die Reise der Anna Grom) ................................................ 223

    Barbara Wurm Simulanten des Zauderns. Verweigerungs-Figuren in Aleksej Popogrebskijs Prostye vešči (Simple things) und Kak ja provel ėtim letom (How I Ended this Summer) ............................................... 245

    Bettina Lange Neue Russen zweiter Klasse: Genre und Identität in Kira Muratovas Vtorostepennye ljudi (Menschen zweiter Klasse) ................. 265

    Irina Schulzki and Raoul Eshelman Contingency, Anthropology and Space in Muratova’s Later Films ............................................................................................. 293

  • wiener slawistischer almanach, sonderband 79 (2012) 5–25

    Bettina Lange, Nina Weller, Georg Witte

    CHANCEN, TAKTIKEN, UMWEGE. LEBENSENTWÜRFE IM RUSSISCHEN FILM UND ROMAN DER JAHRTAUSENDWENDE

    Die Helden russischer Filme und Romane sind um die Jahrtausendwende in Bewegung geraten. In Auseinandersetzung mit den Lebensbedingun- gen und Befi ndlichkeiten des postsozialistischen Russland sind sie auf der Suche nach neuen Lebensentwürfen – in einem ganz anderen Sinne als die Helden sozialistisch-realistischer Entwicklungsutopien oder de- ren postmoderner Dekonstruktionen in den 1980er und 1990er Jahren.

    Da ist beispielsweise der russische Migrant Erik in Sergej Bolmats Ro- man V vozduche (2004, dt.: In der Luft), weltläufi ger Repräsentant einer sprichwörtlich gewordenen »in der Luft hängenden« postsowjetischen Generation, dem die offene Zugluft von Airport-Lounges und die Kon- sumwelt des globalen Kapitalismus vertrauter ist als die Atmosphäre bodenständiger Mittelklasse-Existenzen. So mag sich Erik, nachdem er unzählige Jobs, Studiengänge und Wohnorte ausprobiert hat, selbst in seinem New Yorker Leben weder auf eine feste Beziehung noch auf ei- nen routinierten Arbeitsalltag einlassen. Zurück in seine alte, nun frem- de Heimat Moskau treibt ihn schließlich das undefi nierbare Bedürfnis, inmitten der ihm im Moskauer Turbokapitalismus begegnenden Viel- zahl von Weltanschauungen und Lebensmodellen etwas Neues zu be- ginnen und seinen eigenen Weg zu fi nden…

    Auch der gutmütige und sensible Petersburger Student Nikita in Natal’ja Ključarevas Kurzroman Rossija: Obščij vagon (2008, dt.: End- station Russland) macht die Unbeständigkeit des Unterwegs-Seins zu seinem persönlichen Lebensexperiment. Er entzieht sich dem Dünkel intellektueller Snobs und markenfetischistischer Neureicher, indem er kreuz und quer durch die desolate postsowjetische Welt reist und, meist wenig glückliche, Lebensgeschichten ›sammelt‹. Auf den einfachen

  • Bettina Lange, Nina Weller, Georg Witte6

    Holzbänken in den Waggons der Vorortzüge, auf Provinzbahnhöfen und in Petersburger Absteigen begegnen ihm die trostlosen Schicksale jener, die in der Putin-Ära im sozialen Abseits gestrandet sind. Sie alle träumen vom Glück, ohne dass ihr Alltagsleben auch nur ansatzweise glücklich wäre. Nikita begegnet diesem fremden Glück und Unglück mit Anteilnahme, bis er, der ideale Zuhörer, zum Hauptakteur einer kollektiven Rebellion wird.

    Ein frei fl ottierender Protagonist ist auch der junge Arbeiter Lenja aus Boris Chlebnikovs Film Svobodnoe plavanie (2006, engl. intern. Verleihtitel: Free Floating). Seine Arbeit an der Werkbank verrichtet Lenja ohne Worte. Als die Fabrik schließt, fi ndet er sich als Markt- verkäufer an einem Schuhstand wieder, wo er stumm wie ein Fisch die Kunden vorüberziehen lässt. Auch der nächste Job im Straßenbau ist schnell wieder weg, da Lenja bei den Betrügereien des Vorarbeiters nicht mitspielt. In der freien Marktwirtschaft muss sich jeder irgendwie über Wasser halten; einzig die Frau vom Arbeitsamt sitzt noch am alten Platz. Die Stellenangebote, die sie überreicht, nimmt Lenja gleichmütig an, doch eine Perspektive ist nicht in Sicht. Rettung naht erst, als auf dem Fluss ein geheimnisvoller Raddampfer auftaucht. Der Mississippi wird zur Wolga und der amerikanische Traum zum russischen Märchen.

    Alisa in Anna Melikjans Film Rusalka (2007, dt.: Alisa, das Meer- mädchen) wächst in der Provinz auf. Die Kindheit ohne Vater ist trist und Zukunftsträume zerplatzen wie Seifenblasen. Vom Umzug nach Moskau erhofft Alisa sich ein neues Leben, doch vorläufi g besteht die- ses darin, im Werbekostüm als Handy oder Bierkrug durch die Straßen zu laufen. Die Reklametafeln locken: Alles scheint möglich im glamou- rösen Moskau. Als der smarte Saša auftaucht, rückt die Erfüllung von Alisas Träumen in greifbare Nähe – bis sie versteht, dass Saša die blon- dierte Rita mit ihren künstlichen Fingernägeln liebt. In letzter Sekunde steuert der Film doch noch auf eine schicksalhafte Begegnung Alisas mit ihrem Traumprinzen zu und stellt das Versprechen von Werbung und Märchen auf die Probe: »Träume erfüllen sich – mit Garantie«.

    Dies sind nur vier Beispiele aus Filmen und Romanen der so genannten »Nuller Jahre«, die ein Bild davon abgeben, was die fi ktionalen Helden

    1 Die Bezeichnung »Nuller Jahre« wurde innerhalb der russischen Literaturkritik vor

  • Chancen, Taktiken, Umwege 7

    der russischen Gegenwart ausmacht, wo und wohin sie sich bewegen – und was sie bewegt. Auffallend ist, dass neuere russische Filme und Romane, anders als die postmoderne Literatur der vorangegangenen Dekade, nicht mehr primär den Verlust eines kollektiv verbindlichen Sinndachs der sowjetischen Ära thematisieren. Auch wird die postsow- jetische Situation nicht länger als Ausnahmezustand dramatisiert, wie das in den 1990er Jahren angesichts der teils euphorisierenden, teils schockierenden Erfahrungen mit Demokratisierung und wilder Kapi-

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