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Ressourcenorientierte stabilisierende Interventionen (2010)

Date post:14-Feb-2017
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  • Ressourcenorientierte stabilisierende Interventionen

    Jrgen Beushausen

    Zusammenfassung

    Im ersten Teil dieses Artikels wird die Bedeutung ressourcenorientierter Interventionenin Beratung und Therapie diskutiert. Es werden Anregungen zum Umgang mit Men-schen in krisenhaften Situationen vermittelt. Im zweiten Teil werden stabilisierendeInterventionen vorgestellt.

    Schlagwrter: Krisen ressourcenorientiert stabilisierende Interventionen

    Summary

    Resource-oriented stabilizing interventions

    In the first part of this article, the meaning of resource-oriented interventions is discussed.Suggestions for coping with crisis are made. In part two stabilizing interventions arepresented.

    Key words: life crisis resource-oriented stabilizing interventions

    1 Einleitung

    Menschen bentigen Ressourcen zur Bewltigung alltglicher Probleme und erstrecht fr den Umgang mit krisenhaften Situationen. Diese sind somit ein Schlsselfr stabilisierende Interventionen. Ressourcenorientierung ist zu einem Zau-berwort (Schemel u. Schaller, 2003) geworden, das sich wie ein roter Fadendurch neue Strmungen im Bereich der professionellen psychosozialen Arbeitzieht. In vielen Konzepten, beispielsweise in Graves Entwurf einer allgemeinenPsychotherapie (1998), in Konzepten der Salutogenese oder in Konzepten derGesundheitsfrderung (Becker, 2001; Hurrelmann, 2009; Schemmel u. Schaller,2003; Franke, 2008) gewinnen Ressourcenkonzepte immer mehr Raum. DieNutzung der Ressourcen wird besonders in systemischen Anstzen (sieheSchwing u. Fryszer, 2009; Ritscher, 2002; Hanswille u. Kissenbeck, 2008, Bleck-wedel, 2008) und in der Integrativen Therapie (Petzold, 1997) in den Mittelpunktgestellt. Eingang gefunden hat diese Orientierung auch in den ICF und seinerFokussierung auf die Teilhabe. Die Ressourcenorientierung ist fr die Theorie zu

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  • einer Leitorientierung geworden, auch wenn die praktische Umsetzung nocheinige Zeit bentigen wird. Dieser Artikel soll dazu einen Beitrag leisten.

    Zu Beginn stelle ich Ressourcenanstze im Kontext der Integrativen Therapie(Hilarion Petzold) und systemischer Anstze vor. Im Anschluss gebe ich Anre-gungen fr die Betreuung von Menschen in Krisen.1 Im zweiten Teil dieses Bei-trages stelle ich bungen zur Stabilisierung in krisenhaften Situationen unterbesonderer Bercksichtigung der Ressourcen vor.

    2 Ressourcenorientierung im Kontext

    Ressourcenorientierte Arbeit geht von der Annahme aus, dass jeder Menscheigene Copingstrategien fr anstehende Handlungsanforderungen entwickelnkann. Grundannahme ist das Postulat, dass unsere Lebensfhrung, unsere Ge-sundheit, unser Wohlbefinden abhngig sind von der Verfgbarkeit und demEinsatz von Personen und Umweltressourcen. In einem zirkulren Prozess be-einflussen sich Kontextressourcen und persnliche Ressourcen, hierbei passennicht alle Ressourcen auf alle Bedrfnisse. Entscheidend ist die jeweilige Pas-sung.2

    Mit diesen Aussagen beziehe ich mich auf systemtheoretische Konzepte, diedavon ausgehen, dass soziale Problemlagen, Gesundheit und Krankheit sozialkonstruiert sind3 und nicht mit eindimensionalen Erklrungsmodellen, linearenUrsache-Wirkungsbezgen und nicht ohne eine historische Betrachtung erfasstwerden knnen.4 Ausgangspunkt ist ein biopsychosoziales Menschenbild, dasMenschen ganzheitlich betrachtet und als Experten fr ihr Leben ansieht.5

    Die Bedeutung der Ressourcen fr die Problembewltigung besttigen zahl-reiche wissenschaftliche Erkenntnisse (siehe Schemmel u. Schaller, 2003; Petz-

    1 Es handelt sich um Gesprche zwischen einer oder mehreren Personen mit einemAnliegen und einem Experten, der um Rat gefragt wird, unabhngig davon, welcherBerufsgruppe er oder sie angehrt. Gemeint sind jeweils mnnliche und weibliche Be-rater, Helfer, Klienten und Patienten.

    2 Auf Ressourcengewinn erfolgt oftmals ein weiterer Ressourcengewinn.3 Als Konstruktivist pldiere ich fr eine erkenntnistheoretische Bescheidenheit,

    nach der alle Aussagen Vermutungen und vorlufige Annherungen sind und ich wei,dass andere Perspektiven und Hypothesen mglich sind.

    4 Daher bentigen wir ein interdisziplinres, ganzheitliches, multiperspektivischesKonzept und eine durch sie geleitete Praxis (transdisziplinres Konzept). In solch einembiopsychosozialen Modell ist Erkenntnis und Erkenntnisgewinn nicht wertfrei, sondernvon Erkenntnisinteressen (Habermas) bestimmt.

    5 Es wird davon ausgegangen, dass sich ein Mensch in diesem Prozess besser entwi-ckeln kann, wenn ihm partnerschaftlich im Sinne einer Ich-Du-Beziehung (MartinBuber) begegnet wird. Die Beziehung in der Beratung ist ebenso entscheidend wie diePassung von Methode und Konzept.

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  • old, 1997). Grawe (1994) verweist auf empirisch abgesicherte Befunde, nachdenen Patienten gut geholfen werden kann, wenn man an ihre positiven Mg-lichkeiten, Eigenarten, Fhigkeiten und Motivationen untersttzt werden. Einewichtige Rolle spielt, in welchem Ausma der Therapeut als einer der bedeut-samen Bezugspersonen als untersttzend, aufbauend und selbstwertstrkend er-lebt wird. In der Praxis wrden Therapeuten, so Grawe, die Ressourcenper-spektive in den wenigsten Therapie-prozessen einnehmen, da sie nur selten dieGelegenheit wahrnehmen wrden, die positiven Seiten der Patienten, Familienoder Paare zu erleben (1994). Grawe fordert daher Therapeuten auf, ihr Angebotganz auf die Mglichkeiten und Eigenarten des Patienten abzustellen.

    3 Die Analyse der Ressourcen

    Um ressourcenorientiert ttig zu sein, ist es wichtig genauer zu bestimmen, welcheFaktoren gemeint sind. Schiepek und Cremers (2003, S. 154 f.) definieren dieseallgemein als Kraftquellen. Sie fhren aus: Es sind Quellen, aus denen man alldas schpfen kann, was man zur Gestaltung eines zufrieden stellenden, gutenLebens braucht, was man braucht, um Probleme zu lsen oder mit Schwierig-keiten zurechtzukommen. Das knnen sehr verschiedenartige Bedingungen sein,denn jeder Mensch ist anders, und jede Situation, jede Herausforderung undLebensphase braucht andere Ressourcen.

    Becker (2006) stellt interne und externe Ressourcen vor, die ich im Folgenden,um die Vielfltigkeit aufzuzeigen, zusammenfasse: Interne Ressourcen: gutes Selbstwertgefhl, optimistisch-bejahende Sicht des

    Lebens und der Zukunft, guter Realittssinn, hohe Belastbarkeit in Stresssi-tuationen, innere Ausgeglichenheit, Selbstsicherheit-Autonomie, Bereitschaftzu vergeben, Selbstdisziplin, Zuverlssigkeit, Ausdauer, Sorgfalt, Leistungs-bereitschaft, Vorausdenken/Planen, Rcksichtnahme, Einfhlsamkeit, zwi-schenmenschliches Vertrauen, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Friedfertigkeit,Nichtaggressivitt, Geselligkeit, Offenheit fr Neues, Frhlichkeit, Begeiste-rungsfhigkeit, Durchsetzungsvermgen, Risikobereitschaft, Wissen (beruf-lich, sozial, allgemein, Intelligenz), soziale Fertigkeiten und Rollen, Kenntnisvon Normen, Regeln, Werten und physische Ressourcen (krperliche Fitness,Gesundheitszustand, physische Attraktivitt).

    Externe Ressourcen: attraktiver Sexualpartner, Wertschtzung durch Famili-enmitglieder, gute soziale Beziehungen, liebevolle Beziehungen zur Familie,soziale Untersttzung durch Familie und/oder Freunde, informative Mitmen-schen, Haustier, gute Einbindung in soziale Netzwerke, gnstige Gelegenhei-ten zur Ausbung eines Hobbys, anregende Umwelt, Umwelt mit Erholungs-wert, Sport- und Bewegungsangebote, gesunde Lebensmittel, keine Schad-stoffbelastung, externe Wissensquellen, ausreichendes Einkommen, effizien-tes Gesundheitssystem, sicherer Arbeitsplatz, Kontrolle ber die Arbeit,

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  • angemessene Entlohnung, Aufstiegs- und Weiterbildungsmglichkeiten, klareVerantwortung, klare Aufgaben, herausfordernde berufliche Aufgaben, ver-fgbare Wissensquellen, ergonomischer Arbeitsplatz, keine Schichtarbeit,angemessene Arbeitspausen und eine gute Arbeitsumwelt (kein Lrm Staub/Hitze, Klte), gutes Betriebsklima.

    Diese Aufzhlungen zeigen einerseits, wie komplex und vielfltig Ressourcensind, andererseits besteht die Gefahr einer Beliebigkeit, wenn so vieles alsRessource bezeichnet und genutzt werden kann.

    Um in der Praxis einen ersten berblick ber vorhandene und fehlende Res-sourcen eines Klienten zu gewinnen, orientiere ich mich an den 5 Sulen derIdentitt (nach Petzold) der Integrativen Therapie.6 Diese sind: Leiblichkeit, soziale Beziehung (enge und weitere Beziehungen), Arbeit und Leistung, materielle Sicherheit (bzw. soziokonomischer und konomischer Kontext), Normen und Werte.

    Stabilisierende Methoden in Beratung und Therapie beziehen sich mit Hilfemultimodaler Interventionen auf diese Sulen. Dies kann beispielsweise einePhysiotherapie sein oder der Einbezug des sozialen Netzwerkes in die Beratung.Im Mittelpunkt steht die Entwicklung von Ressourcen, die nicht mehr adquatbewertet und in praktisches Handeln umgesetzt werden knnen. Sttzende Be-ratung heit auch Entlastung und Kompensationsmglichkeiten in verschie-densten Bereichen zu ermglichen. Dies bezieht so genannte niedrigschwelligeAngebote wie Sport, Basteln, Gymnastik, Nhkurse ein.

    4 Ansatzpunkte in der Betreuung von Menschen in Krisen

    Der Einsatz stabilisierender bungen erfolgt auf der Grundlage eines Vertrau-ensverhltnisses zwischen Klient und Helfer. Basis ist eine Haltung des Respekts,in dem sich der Berater als Beobachter und Begleiter im Prozess versteht. Erfokussiert Lsungen und v

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