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Kulturspezifische Untersuchungen in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik: Bestandsaufnahme und Analyse des derzeitigen Umgangs mit “Kultur” (Richter & Adelsberger 2011)
Date post:18-Dec-2014
Category:Science
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Richter, T. & Adelsberger, H.H. (2011). Kulturspezifische Untersuchungen in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik: Bestandsaufnahme und Analyse des derzeitigen Umgangs mit Kultur. Due-Publico, Essen.
Transcript:
<ul><li> 1. Kulturspezifische Untersuchungen in der ge-staltungsorientierten Wirtschaftsinformatik: Bestandsaufnahme und Analyse des derzeitigen Umgangs mit Kultur Thomas Richter Heimo H. Adelsberger Universitt Duisburg-Essen, Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik der Produktionsunternehmen September 2011 Kontakt: thomas.richter@icb.uni-due.de This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported Licen-se. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ or send a letter to Creative Commons, 444 Castro Street, Suite 900, Mountain View, California, 94041, USA. </li> <li> 2. Einleitung Angeregt von der Publikation A review of culture in Information Systems research: Toward a theory of information technology culture conflict von Leidner und Kayworth (2006) wird in diesem Beitrag untersucht, welche Bedeutung Kultur als Forschungsgegenstand in der gestaltungsorientierten Wissenschaftsdisziplin Wirtschaftsinformatik innerhalb der einschlgigen Fachliteratur einnimmt. Leidner und Kayworth untersuchten in ihrem Beitrag ITrelevante Verffentlichungen in Zeitschriften und Konferenzbnden, die der hauptschlich im angelschsischen Sprachraum angesiedelten, behavioristisch orientierten Wissenschaftsdisziplin Information Systems zugeordnet werden knnen. Sie fanden bzgl. der untersuchten Werke u. a. heraus, dass ber 60% der in den Beitrgen getroffenen Entscheidungen zur Gestaltung von Anwendungssystemen oder zu Problemlsungsanstzen auf dem Dimensionsmodell von Hofstede (1980) beruhen. Nach Leidner und Kayworth (2006, S. 357) spielt Kultur im Rahmen der Informationstechnologie eine er-hebliche Rolle, sei es als Unternehmenskultur, die sich insb. auf Geschftsprozesse zwischen Unternehmen aus-wirkt oder als Gruppenkulturen bzw. Nationalkulturen, die Auswirkungen auf z. B. die Akzeptanz von und den Umgang mit Informationssystemen haben. Im Umfeld der Disziplin Information Systems gibt es eine Vielzahl von Verffentlichungen, die sich mit kulturellen Einflssen auf verschiedenste Aspekte der Informationsverar-beitung auseinandersetzen: Besonders bercksichtigt werden u. a. Problemstellungen in Offshore-Produktionen von Anwendungssystemen (Herbsleb &amp; Moitra 2001; Winkler et al. 2008), Gestaltungsfragen bei der Produktion von Webseiten (Gould et al. 2000), Themen, wie Ergonomie (Ito &amp; Nakakoji 1996) und Informationssicherheit (Schlienger &amp; Teufel 2002) oder der Modellierung von Unternehmensprozessen (Jayaganesh &amp; Shanks 2009) und kontextspezifische Entscheidungsuntersttzung (Ho et al. 1989). Die Forschungsdisziplin Wirtschaftsinformatik, die ihren Ursprung im deutschsprachigen Raum hat, ver-steht sich, anders, als die verhaltensorientierte Disziplin Information Systems, als gestaltungsorientierte Dis-ziplin (sterle et al. 2010). Dem zwischen den beiden verwandten Disziplinen unterschiedlich gewhlten For-schungsansatz entsprechend, wird fr diesen Beitrag angenommen, dass der Umgang mit Kultur in dieser Dis-ziplin auch anders geartet sein knnte. Das Ziel der Untersuchung ist eine Bestandsaufnahme, die offenlegt, wie Wissenschaftler im Fachbereich Wirtschaftsinformatik bislang mit dem Thema Kultur umgegangen sind. Daraus soll geschlossen werden, wel-che Bedeutung diesem Thema derzeit in der Disziplin beigemessen wird. Ziel dieses Beitrags ist also eine Do-kumentation des Status Quo in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik im Umgang mit Kultur, nicht 2 aber, den dortigen Umgang mit Kultur zu bewerten. Im Folgenden wird auf Basis einer Inhaltsanalyse zunchst untersucht, ob Kultur in der gestaltungsorien-tierten Wirtschaftsinformatik als Forschungsgegenstand berhaupt eine Rolle spielt. Es wird quantitativ geprft, ob und wie frequentiert die Autoren mit dem Begriff umgehen und qualitativ, auf welchen Theorien basierend Entscheidungen getroffen werden und ob Trends erkennbar sind. Planung und Durchfhrung der Inhaltsanalyse Die Inhaltsanalyse dient u. a. der Analyse von Massenmedien im Sinne einer Feststellung des Stellenwerts ein-zelner Nachrichtenbereiche und der zeitlichen und/oder inhaltlichen Vernderung der Berichterstattung sowie zur Untersuchung von Denkstilen einer Kultur (Friedrichs 1980, S. 318). Schnell et al. (2008, S. 407) sehen in der Inhaltsanalyse gegenber anderen Datenerhebungstechniken insbesondere den Vorteil, dass sich die unter-suchten Individuen der Untersuchung nicht bewusst sind, wodurch kein reaktives Antwortverhalten verflschend auf die Untersuchungsergebnisse einwirkt. Darber hinaus bezeichnen sie diese Untersuchungsmethode als dis-ziplinbergreifend verwendbar und stellen die Vielfltigkeit des einer Analyse zur Verfgung stehenden Mate-rials als vorteilhaft heraus. Sie beschreiben zur Durchfhrung vier unterschiedliche Techniken (S. 408), von de-nen im Folgenden die Kontingenzanalyse verwendet wird. Bei dieser Analyse wird das Auftreten bestimmter Wrter oder Wortfragmente quantitativ untersucht (Hufigkeit des Auftauchens). Nach einer Festlegung grund-legender Auswahlkriterien (S. 409, z. B., welche Art von Medien untersucht werden) werden spezifische Aus-wahlkriterien (welche Worte oder Wortfragmente/Wortkombinationen werden bercksichtigt bzw. ausgeschlos-sen?) und Zhleinheiten (was wird in welcher Form gezhlt?) bestimmt. Eine rein quantitatives Vorgehen wird in der Literatur im Zusammenhang mit Inhaltsanalysen u. a. von Kracauer (1952, S. 131 ff.) kritisiert, da die rein quantitative Untersuchung nicht in der Lage ist, Erklrungen zu liefern oder Zusammenhnge/Abhngigkeiten herauszustellen. Entsprechend wird die Suche nach bestimmten Schlsselwrtern auch gleichzeitig genutzt, auf qualitativer Ebene Argumentationszusammenhnge (Begrndungen fr getroffene Entscheidungen, im Zusam-menhang verwendete Literatur) zu ermitteln, die erwartungsgem in der Nhe der gesuchten Stichwrter zu finden sein sollten. Auswahl der zu untersuchenden Medien Die Untersuchung wird in fr die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik relevanten Fachorganen durchge-fhrt. Die Ermittlung solcher Fachorgane erfolgte durch die Quelle: Enzyklopdie der Wirtschaftsinformatik (Oldenbourg 2011), einem Online-Lexikon, das vom Oldenbourg Wissenschaftsverlag bereitgestellt und von </li> <li> 3. fhrenden Wirtschaftsinformatikern gepflegt wird. Von einer fr diese Frage geeigneten Expertise kann ausge-gangen 3 werden. Die Enzyklopdie der Wirtschaftsinformatik unterscheidet zwischen allgemeinen Fachzeitschriften und sol-chen themenspezifischer Ausrichtung. Fr die folgende Untersuchung werden ausschlielich allgemein ausge-richtete Zeitschriften verwendet. Aufgefhrt sind hier drei Allgemeine Zeitschriften der Wirtschaftsinformatik: Wirtschaftsinformatik, Information Systems and E-Business Management und das Scandinavian Journal of Information Systems. Whrend die Zeitschrift Wirtschaftsinformatik in deutscher Sprache verfasst ist, sind die beiden anderen aufgefhrten Zeitschriften in englischer Sprache verfasst. Bezglich des Scandinavian Jour-nal of Information Systems gibt die Enzyklopdie der Wirtschaftsinformatik an, dass dieses Medium zwar nicht direkt aus der deutschen Wirtschaftsinformatik heraus entstanden ist, es jedoch als deren Grundkonsens teilend erachtet werden kann. Es wird bei der folgenden Analyse, die sich explizit auf die Entwicklung der Wirtschafts-informatik im deutschsprachigen Raum bezieht, nicht bercksichtigt. Auswahl der zu untersuchenden Wrter/Wortfragmente Der folgenden Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, dass ein Autor, der Kultur in seinem Werk auf die eine oder andere Weise thematisiert, diese auch unmittelbar (durch Verwendung des Substantivs Kultur) oder indirekt (durch Verwendung eines zusammengesetzten Begriffs, wie Organisationskultur, Landeskultur, oder Kulturschock oder eines entsprechenden Adjektivs, wie interkulturell) beim Namen nennen wird. Da-bei wird unterschieden, ob das Thema eines Aufsatzes unmittelbar an dem Thema Kultur ausgerichtet ist oder ob das Thema Kultur in den jeweils untersuchten Artikeln eher ein Randthema i. S. e. zu benennen-den/ bercksichtigenden Aspekts darstellt. Hier wird die Annahme getroffen, dass das Thema Kultur, sofern es vom Autor als wesentliches Element (Kernthema) des Beitrags angesehen wird, im Titel des jeweiligen Beitrags zu finden sein sollte. Im Folgenden wird zunchst das deutschsprachige Hauptorgan der Disziplin quantitativ bzgl. insgesamt ver-ffentlichter Beitrge und solchen, die das Thema Kultur fokussieren analysiert. Entsprechend dem Vorbild von Leidner und Kayworth (2006) wird anschlieend eine Inhaltsanalyse durchgefhrt (in jenen Artikeln, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Thema Kultur befassen). In diesem Schritt wird auch untersucht, welche Referenzliteratur verwendet wurde, und auf welcher Basis (Konzepte/Modelle) Kultur analysiert wird, bzw. kulturspezifische Entscheidungen getroffen werden. Mit der englischsprachigen Zeitschrift Information Systems and E-Business Management wird anschlieend auf gleiche Weise verfahren. Nach Abschluss der Analysen beider Zeitschriften erfolgt zunchst die Abgrenzung und abschlieend eine Zusammenfassung der Er-gebnisse und ein Ausblick auf noch offene Forschungsfragen. Die in der Literaturanalyse bercksichtigten Beitrge werden im Text bzw. den Tabellen innerhalb eckiger Klammern, z. B. [LeKa06] fr Leidner &amp; Kayworth 2006 reprsentiert. Die Liste aller inhaltlich analysierten Ar-tikel findet sich, sortiert nach Medium, in der Anlage. Da die Suchbegriffe in deutscher und englischer Sprache unterschiedlich sein mssen, wird die Wahl der Suchbegriffe im jeweiligen Kapitel erlutert. Die Zeitschriften Wirtschaftsinformatik und Information Systems and E-Business Management unter-scheiden sich nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch die Lnge und die Art der verffentlichten Bei-trge. Whrend in der Zeitschrift Information Systems and E-Business Management hauptschlich For-schungsbeitrge verffentlicht werden (in einzelnen Ausgaben gibt es ein ein- bis dreiseitiges Editorial), wer-den in der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik auch Kommentare zu aktuell relevanten Themen, Literaturbespre-chungen, Vorstellungen innovativer Entwicklungen und Interviews gedruckt. Die Beitrge in der Zeitschrift In-formation Systems and E-Business Management umfassen selten weniger als 15 Seiten (bis hin zu 45 Seiten), whrend ein Umfang von 15 Seiten, inkl. Anlagen und Literaturliste, bei der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik bereits die obere Grenze darstellt. Zur Verbesserung der Vergleichbarkeit wurden fr die Untersuchung in der Zeitschrift Information Systems and E-Business Management entsprechend ausschlielich Forschungsbeitrge bercksichtigt. In der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik wurden fr die Inhaltsanalyse alle als Artikel be-zeichneten Beitrge bercksichtigt und zustzlich Beitrge in den Kategorien State of the Art und Innovatives Produkt, sofern ihre Lnge mindestens 5 Seiten betrug. Untersuchung der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik In Tabelle 1 erfolgt zunchst eine allgemein ausgerichtete quantitative Analyse der Artikel (je untersuchtem Jahrgang). Aus Lizenzgrnden standen fr die Analyse nur die Jahrgnge 2006 (Volume 48) bis 2011 (Volume 53) zur Verfgung. Dadurch ergibt sich eine natrliche Abgrenzung. Nach der allgemein quantitativen Analy-se erfolgt die Definition der Untersuchungskriterien der fr die folgende Inhaltsanalyse auszuwhlenden Beitr-ge. In der Spalte #Aufstze sind alle als Aufstze deklarierten Beitrge bercksichtigt, die letztendlich in die Inhaltsanalyse eingehen. Auswahlkriterien und Durchfhrung der quantitativen Erfassung Die Zeitschrift Wirtschaftsinformatik verwendet die deutsche Sprache. Entsprechend wird mittels einer Voll-textsuche ber alle Ausgaben nach dem Schlsselworte Kultur gesucht: In einem Test wurde festgestellt, dass die Suchmaschine des Springer Verlags nicht zwischen Gro- und Kleinschreibung unterscheidet. Die Wahl des </li> <li> 4. Schlsselworts Kultur deckt somit nicht nur ein Vorkommen des Primrschlsselwortes Kultur ab, sondern ebenso ein Vorkommen jeglicher auf Kultur basierender zusammengesetzter Substantive, wie Kulturgut, Orga-nisationskultur, Subkultur, Lernkultur, etc. und auf Kultur bezogenen Adjektive, wie kulturell, interkulturell, 4 multikulturell, soziokulturell, etc. Tabelle 1: Quantitative Erfassung aller Ausgaben der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik ab 2006 # Beitrge gesamt Anzahl Aufstze (i. S. d. fr die Inhaltsanalyse festgelegten Kriterien) Band Ausg. 1 Ausg. 2 Ausg. 3 Ausg. 4 Ausg. 5 Ausg. 6 Summe # Aufstze die kul-tur enthalten 48 - 2006 20 5 16 4 16 5 21 4 16 5 31 5 120 28 0 49 - 2007 18 5 17 5 26 6 29 6 18 6 19 4 127 32 1 50 - 2008 13 4 15 3 12 6 7 5 6 4 8 4 74 27 0 51 - 2009 22 16 9 4 12 6 7 5 6 4 8 4 64 39 0 52 - 2010 9 3 6 3 9 5 8 4 8 4 9 4 49 23 4 53 - 2011 8 3 6 3 9 4 9 5 8 5 ------ 40 20 3 Summe: 35 Ausgaben 429 143 8 Insgesamt wurden in der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik 143 Artikel auf ein Vorkommen des Schlsselworts Kultur oder des Wortfragments kultur untersucht: Acht der 143 Artikel (5,59%) erfllten mindestens eine der beiden Rahmenbedingungen (Wort oder Wortfragment enthalten). Einer dieser acht Artikel (0,7% von 143) enthielt kultur als Wortfragment (kultureller) in der berschrift. Bei diesem Artikel ist davon auszugehen, dass er inhaltlich an dem Thema Kultur ausgerichtet wurde. Bezglich der Hufigkeit des Auftretens des Wortes Kultur bzw. entsprechender Wortfragmente nach Jahrgngen kann eine steigende Tendenz zur Bercksichtigung kultureller Faktoren festgestellt werden. Im Zeit-raum zwischen 2006 und 2008 wurde Kultur je Band (Jahrgang) durchschnittlich in 0,3 Aufstzen thematisiert, in den Bnden von 2009-2011 in 2,5 Aufstzen. In wieweit diese Steigerung jedoch tatschlich als Trend inter-pretiert werden darf, ist bei dem geringen betrachteten Zeitraum unklar. In Tabelle 2 werden die in Tabelle 1 als fr die Inhaltsanalyse geeignet festgestellten Beitrge im Einzelnen untersucht. Nach der Angabe der Quelle, die mittels des dort hinterlegten Krzels in der Anlage ermittelt werden kann, erfolgt die Auszhlung der Nennungen des Schlsselworts Kultur und von Wrtern die kultur als Wortfragment enthalten. Es wird geprft, ob diese Nennungen im Titel und/oder im Text erfolgen. In einigen Fllen tauchten das Schlsselwort Kultur und entsprechende Wortfragmente auch/ausschlielich im Literatur...</li></ul>
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