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Existentielle und kommunikative Zeit: Zur â€‍Eigentlichkeit“ der...

Date post:11-Sep-2021
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Joachim Renn
Existentielle und
kommunikative Zeit
MJ? VERLAG FOR WISSENSCHAFT
Renn, Joachim: Existentielle und kommunikative Zeit: Zur .Eigentlichkeit" der individu­ ellen Person und ihrer dialogische n AnerkennunglJoachi m Renn - Stuttgart : M und P, VerI. fur Wiss. und Forschung. 1996
Zug!.: Frankfurt, Univ.• .• 1994 ISBN 978-3-476-45168-2
Dieses Werk ist einschlieBlich aller seiner Tei le gesch utzt. Jede Verwen ung auBerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustim­ mung des Verlages unzulassig und strafbar. Das gilt insbesondere fur Ver­ vielfahigungen. Ubersetzungen. Mikroverfilmungen und Einspeicherung in elektronische n Systemen.
M & P Verlag flir Wissenschaft und Forschung ein Verlag der J.B. Metzlerschen Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart
© 1997 Springer-Verlag GmbH Deutschland
ISBN 978-3-476-45168-2 ISBN 978-3-476-04263-7 (eBook) DOI 10.1007/978-3-476-04263-7
Ursprunglich erschienebei J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Ernst Poeschel
Vorbemerkung
Eine solche Arbeit verdankt ihre Entstehung einer groferen Zahl von Men­
schen, als das Literaturverzeichnis verrat , Ich mochte darum zunachst diejeni­
gen erwahnen, ohne die es nicht gelungen ware.
An erster Stelle denke ich dabei an Thomas Barknowitz, ohne den ich die
Art von grundlegender Motivation, tiber die man nicht diskutieren muli, nie
entwickelt harte.
Die Arbeit wurde in den Jahren 1992 und 1993 durch ein Stipendium von
der Hessischen Graduierten Forderung unterstutzt, Vieles verdanke ich meiner
Familie, besonders Frau Dr. Uta Renn und Frau Irmingard Warm, die u.a.
durch das Verstandnis fur eine nicht leicht verstandliche Entscheidung einiges
leichter gemacht haben.
Danken mochte ich meinen Betreuem: Prof. Dr. Jurgen Habermas fur die
griindliche, von jeder falschen Schonung fide, Kritik und Prof. Dr. Hansfried
Kellner fur die Toleranz gegenuber einer eigensinnigen Themenwahl.
Erwahnen mochte ich all diejenigen, die durch ihre Diskussionsbereitschaft
und/oder die z.T. handwerkliche Miibe urn unfertige Entwurfe meinen Inten­
tionen zu einer mitteilbaren Form verholfen haben: Joel Anderson, Gesine
Braun, Dr. Ferdinand Briingel, Prof. Dr. Thomas McCarthy, Dr. Josef'Fruchtl,
Dietmar Janetzko, Dr. Guy van Kerckhoven, Dr. Nikolas Kompridis, Dr. Chri­
stina Lafont, Anne Fritz Middelhoek, Claudia Reimann, Prof. Dr. Frithjof Ro­
di, Dr. Lutz Wingert.
SchlieBlich mochte ich denen danken, deren Engagement dadurch un­
verzichtbar wurde, daB es hinter der theoretischen Absicht stets die Person zu
entziffem wuBte: Jost Maisch, Rudolf Sievers, Dr. Arne Johan Vetlesen und
besonders: Grin Maria Klinkhammer. FUr die Zeit der Uberarbeitung zur Pu­
blikation mochte ich Matthias Dech fur seine Hilfe danken, sowie Anja Wit­
tek, die in vielen Hinsichten eine unschatzbare Unterstiitzung war.
Inhalt :
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1.2. Der zeitliche Horizont von Intention, Reflexion und BewuBtsein; Funktion und Aufbau der Gegenwartszentrierung 55
1.3. Die Ruckkehr der Sprache als innerweltlich intersubjektives Medium gultiger Reflexion in der genetischenPhanomenologie 79
1.4. Detranszendentalisierung als Schritt in die Richtungeines Begriffesindividueller, personaler Selbstverhaltnisse 101
2. Teil: Heidegger - die existentielle Zeit 120
2.1. Fundamentalontologie als Horizont der Zeitproblematik und der Daseinsanalyse 120
2.2. Die Seinsweise des Daseinsund ihre Reduktion auf die isolierte Existentialitat 140
2.3. Die Wiederholungder Engfiihrung in der erweiterten Zeitbegritllichkeit: Eigentliche und ursprungliche Zeit 169
2.4. Aufnahme der Motive: VorbereitungeinesBegriffes offentlicher ursprunglicher Zeit 188
3. Teil: Ricoeur - die narrative Zeit 209
3.1. Narrative Zeit als offentlicher Horizont von Handlungen 209
3.2. Bedeutung, Referenz und Geltung in der Narration - Die Intelligibilitat der Geschichten 237
3.3. Die Identitat der Person - kritische Anleihen bei der sprachanalytischenTradition 263
3.4. Die narrative Identitat der Person 282
4. Teil: Zu einer Sprachpragmatik der Individualisierung - die kommunikative Zeit 295
4.1. Das Dogma der Schrift und die Anniiherung an die narrative Dimension der kommunikativen Alltagspraxis - Vorbereitung eines Begriffs der 'kommunikativenZeit' 295
4.2. Drei verschiedene Transformationen: Yom "hermeneutic turn" tiber den "linguisticturn" und den "pragmatic turn" zum kommunikativen Zeithorizont 325
4.3. Notwendige Fortsetzungen einer sprachpragmatischen Transformation 341
4.4. AbschlieBende methodische Selbstvergewisserung 348
Literaturverzeichnis 352
Einleitung - Ein verniinftiges Besonderes
Die Verbindung von 'existentieller' und 'kommunikativer' Zeit, die der Titel die­
ser Arbeit in Aussicht stellt, entspringt einer Verschrankung von zwei ausge­
sprochen heterogenen philosophischen Positionen. Es wird nach einer Verbin­
dung gesucht zwischen der existentialistischen Hermeneutik der Faktizitat von
Martin Heidegger und der sprachphilosophischen Rationalitatstheorie, fur die
die Theorie des kommunikativen Handelns von Jiirgen Habermas steht. Diese
Suche erfolgt nicht auf dem Wege eines direkten Theorievergleiches. An die
Stelle eines umfassenden, abstrakten und a1lzu ehrgeizigen Integrationsversu­
ches tritt der Versuch, ein theoretisches Motiv der hermeneutischen Phanome­
nologie in mehreren Schritten aus der Perspektive einer pragmatischen Sprach­
philosophie zu reformulieren. Dieses theoretische Motiv ist die Interpretation
personaler Selbstverhiiltnisse. In der Heideggerschen Daseinsanalyse wird das
Moment der Individualitat personaler Selbstverhiiltnisse rekonstruiert a1s exi­
stentielle Zeitlichkeit. Im Gegensatz dazu steht eine kommunikationstheoreti­
sche Rekonstruktion, die mit dem Vorrang der Intersubjektivitat vor einer sub­
jektiven oder personalen Innerlichkeit das Moment der A1lgemeinheit im Sinne
rationaler Akzeptierbarkeit personaler Selbstverhiiltnisse in den Vordergrund
ruckt,
Das Anliegen dieser Arbeit besteht nun genau darin, in der Rekonstruktion
dieses hermeneutisch-phiinomenologischen Motivs aus der methodischen Per­
spektive einer pragmatischen Sprachphilosophie diese beide Momente, die be­
sondere Individualitat und die allgemeine rationale Akzeptierbarkeit, zusam­
menzufuhren. In diesem Sinne soli am Ende ein Begriff 'kommunikativer Zeit'
den Begriff existentieller Zeit sprachpragmatisch aufheben. Eine solche Inte­
gration ist nicht durch eine metatheoretische Lust am Jonglieren mit komplexen
Theorien motiviert, sie wird vielmehr angeregt durch das thematisch konkrete
Bednrfnis, sich dariiber Rechenschaft zu geben, was wir heute meinen, wenn
wir von einer Person a1s einem Individuum sprechen.
Eine der in letzter Zeit vieldiskutierten Thesen bringt eine umfassende 'Indi­
vidualisierung' in Zusammenhang mit dem Nachlassen traditioneller gesell-
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schaftlicher Bindungskrafte.' Der und die Einzelne, ausgezeichnet durch eine
rasant beschleunigte berufliche und private Mobilitat, werden zum Signum,
aber auch zum fragwurdigen Symptom, einer in die Jahre gekommenen Moder­
ne erklart,
Neben der empirischen Frage, was es mit dieser Beobachtung auf sich habe,
ist fur eine philosophische, konzeptuelle Untersuchung von Interesse, was
"Individualisierung" uberhaupt bedeuten soli. Angesichts einer gewissen Inflati­
on der Nachfrage nach flink konsumierbaren therapeutischen Eingriffen in die
Lebensplanung der Einzelnen konnte man sich z.B. fragen, ob jene, die von
'Individualisierung' sprechen, nicht eigenlich 'Atomisierung' meinen . In jedem
Falle ist das stereotype Bild des Vorstandes eines Ein-Personen-Haushaltes, des
frei flottierenden und diese Freiheit zugleich feiernden und beklagenden
'Singles', weit entfernt von der romantischen Vorstellung der 'inneren Unend­
lichkeit' des Individuums. So wenig tiber die Bedeutung des Ausdruckes
"Individuum" fest stehen mag, so eindeutig ist es, daB das Konzept menschli­
cher Individualitat sowohl in der Alltagspraxis als auch in der Theorie in Bewe­
gung geraten ist.
Die Erinnerung an die Alltagspraxis kann zu der Uberlegung fuhren, wozu
eine philosophische Bemuhung uberhaupt nutzlich sein mag, die sich die Frage
vorlegt, was 'Individualitat' bedeuten 'soli'. Hat sich der moderne Mensch als
ehrbarer Normalverbraucher nicht langst in der intuitiven Gewifiheit eines In­
dividualitatskonzeptes eingerichtet, dessen Begrundungsanspruche drastisch
heruntergeschraubt sind? Genugt es nicht sich durchzuschlagen, sich pragma­
tisch in einer "Bastel-Biographie'" zu bewahren, und gelegentlich eine Sozio­
logie zu konsultieren, die das Verlangen nach einer vernunftigen Identitat mit
dem Konzept personaler Individualitat auf die Seite einer 'alteuropaischen' Se­
mantik schlagt, einer Semantik, die angesichts funktionaler Differenzierung und
I Vgl. dazu : Ulrich Beck, RG*, darin: 5. Kapitel: Individualisierung, Institutionalisierung und Standardisierung von Lebenslagen und Biographiemustem, S. 206ff. *(Samtliche Titel werden im folgenden unter Angabe der Namen der Autoren und unter Verwendung von Siglen ausgewiesen und erscheinen entsprechend im Literaturverzeichnis.) 2 Vgl. Elisabeth Beck-Gernsheim, WpF, S. 120.
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falls Selbsttauschungen moblieren kann?'
Der Kommentar, den die philosophische Analyse beisteuert , ist indessen nur
dann eine ungebetene und unwillkommene Zumutung , wenn ihr normativer
Anspruch allein aus den Quellen der unbelehrbar traditionsverliebten Pratention
eines verselbstiindigten Faches entspringt . Die Forderung, daB die Individualitat
einer Person unter Berufung auf Gtiinde 'verniinftig' genannt werden durfe, ist
jedoch keineswegs ein alter Zopf philosophischer Argumentation, die anders als
durch den Bezug auf Rationalitat ihre Einheit nicht bewahren kann. Diese For­
derung wird in der Alltagspraxis selbst erhoben, wenn auch unter anderen Na­
men und in vielfaltiger Gestalt. Der soziostrukturelle Druck zur Individualisie­
rung, dessen Systemaspekt wohlweil3lich in funktionalistischer Sprache be­
schrieben werden kann, hat sein Echo in der Innenansicht des Entscheidungs­
druckes, der Lebenslaufe ins Stottern bringt, in der Haufung der Situationen,
die die Einzelnen zur Bestimmung der Zielgrofle ihres einzelnen Lebens ver­
pflichten. Warum dieser eine nicht der richtige Mann fur jene ist, warum diese
berufliche Fortbildung fur diese eine das Richtige ist, wann sie, und wann er ein
Kind bekommen sollen, welche von zwei sich ausschliellende Moglichkeiten
ergriffen werden soli; alle Fragen dieser Art setzen ein Abwagen in Gang, das
nolens volens die Bestimmung beriihrt, was 'eine' und was 'meine' Individualitat
ist bzw. sein, bleiben und werden soli. Solche Fragen mogen aufgezwungen
sein oder nicht; sie mogen das konkrete Arsenal der 'unzumutbaren Reflexions­
lasten' vorstellen, denen die Person im Zeichen spatmoderner Vergesellschaf­
tung unterworfen ist, oder sie mogen die Obertone einer unerhorten Verbrei­
tung von Freiheitschancen sein, das Zeichen, daf auf den Zwang zur Individua­
lisierung eine Innenansicht antwortet, der ein hohes Mall an Freiwilligkeit eigen
ist; in jedem Falle sind solche Fragen jedoch nicht allein durch 'starke Bewer­
tungen" zu entscheiden. Das Beispiel Charles Taylor's: "Can you talk in reason
to c. ..) say, those who seem ready to throwaway love, children, democratic
solidarity, for the sake of some career advancement?" ist kein Fall, in dem das
3 Vgl. Niklas Luhmann, 1. 4 Im Sinne von Charles Taylor's "strong evaluations" , vgl. Taylor, SoS, und Anderson , ZBA. 5 Taylor, EoA, S. 31.
II
Abwagen durch die Klarung der Hierarchie von personlichen Werten zu einem
Ende gebracht werden konnte, denn dazu mtiBte jeder Entscheidungsfall in sei­
nem Wertbezug eindeutig und die Individualitat ausschlieBlich eine besondere
Konstellation von Verpflichtungen gegenuber allgemein verfugbaren Werten
sein. Das Besondere einer Person ist jedoch das Einmalige eines Prozesses, und
dieser ist kein schlingemder Kurs, den jede auf ihre Weise nach einem universa­
len Stemenhimmel bestimmt. Der Kurs richtet sich vielmehr nach dem spezifi­
schen Zeithorizont ungleich konkreterer Maximen, also Handlungsanweisun­
gen . Vemunft mischt sich unter, wo diese Maximen individuell aber doch einem
und vielen anderen verstandlich sein konnen, Diese Zeitlichkeit in die Vorste1­
lung von der 'Individualitat' einer Person aufzunehmen, ist die Aufgabe der hier
versuchten begrifllichen Klarung,
Eine philosophische Begriffserklarung ist eingebettet in die Geschichte, die
der Gebrauch eines Begriffs innerhalb einer Disziplin hinter sich hat und darnit
in sich tragt , Und in diesem Sinne ist das Problem menschlicher Individualitat
ein besonderer Fall, denn es steht auf der Agenda der Metaphysikkritik auf ei­
nem der ersten Platze,
philosophischen Positionen scheint in der Berufung auf ein 'nachmetaphysi­
sches' Denken zu bestehen. Der Streit entbrennt, sobaid gefragt wird, was unter
einem solchen nachmetaphysischen Denken zu verstehen ist. Man kann sich mit
Bezug auf den Habermasschen Begriff der kommunikativen Vemunft unter
einem Denken nach der Metaphysik jene Form philosophischer Argumentation
vorstellen, die das kantische Prograrnm der Selbstbeschrankung des Vemunft­
gebrauches auf den Bereich nachprufbarer Geltungsanspruche, mit der 'sprach­
philosophischen Wende' verschrankt. Das heiflt, vernunftig laBt sich tiber Ver­
nunft nur sprechen, solange das Sprechen und das Gesagte einer intersubjekti­
yen Praxis der Prufung von Geltungsanspruchen ausgesetzt werden kann . Ver­
nunftig kann nur solches sein, wogegen Einspruch erhoben werden kann.
Der kommunikationstheoretische Ausgang aus der Metaphysik hat z.B. ge­
genuber einer dekonstruktivistischen Metaphysikkritik den Vorteil, daB das
Konzept der Vemunft und das Prinzip der Geltung nicht uberhaupt preisgege­
ben werden muB. Auch mit Jacques Derrida laBt sich z.B. die sogenannte Sub-
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jektphilosophie, der vielleicht letzte glanzende SproB der Metaphysik, kritisie­
ren, aber mehr auch nicht. Will man demgegenuber das Projekt , die eigene Zeit
in Gedanken zu fassen, umstellen und nicht einfach aufgeben, muB man geal­
terte Fragen eher reformulieren als abschaffen. Dann ist die Metaphysik nicht
im Ganzen ein Problem, das zum Verschwinden gebracht werden sollte, son­
dern der Oberbegriff fur eine Reihe von Problemen, die auf eine neue Art ge­
stellt und behandelt werden konnen,
Der Begriff der Individualitat einer Person stellt eines dieser Probleme dar.
Jurgen Habermas bezeichnet eine kommunikationstheoretische Klarung der
Bedeutung von Individualitat als "(...) den Schlussel fur die Losung dieses
letzten und schwierigsten der von der Metaphysikkritik hinterlassenen Proble­
me." 6 Es ist ein Problem, weil in der Tradition der metaphysikkritischen Philo­
sophie keine uberzeugende Alternative zwischen zwei abstrakt entgegengesetz­
ten Extremen zum Vorschein gekommen ist. Diese Extreme sind zum einen die
Reduktion menschlicher bzw. personaler Individualitat auf das Allgemeine und
zum anderen die Beharrung darauf, daB die personale Individualitat als das ra­
dikal begriffiich Uneinholbare zu verstehen sei.
Der Spannung zwischen diesen Extremen ist auch der Versuch ausgesetzt ,
mit nachmetaphysischen Begriffen zugleich am Moment der Universalitat und
der Unbedingtheit der Geltung festzuhalten und die besondere Individualitat
einer Person als vernunftig begrundbar zu begreifen. Denn seit den Tagen der
Kierkegaardschen Hegelkritik gilt der Versuch, die Individualitat einer Person
als 'diese' Individualitat zu 'begreifen', als hoffuungslos. Die Identitat allgemei­
ner Begriffe, so versicherte noch Adorno, bleibt dem Individuellen notwendig
unangemessen.
Es ist das alte Problem des Zusammenhanges von Besonderem und Allge­
meinem, das die philosophischen Traditionen durchzieht, Fur die Romantik galt
es als ausgemacht, daB die Spannung zwischen Besonderem und Allgemeinem
unversohnlich sei, oder aber auf Kosten der Mitteilbarkeit in einer verstroh­
menden Ichauflosung zu gewinnen ware, deren inwendige Erscheinung Robert
Musil spater als das "ozeanische Gefuhl" beschrieben hat.' Die Voraussetzung
6 Habermas, EWS, S. 184. ? Robert Musil, MoE.
13
klage gegen einen totalitaren Vemunftbegriff
Seit dem scheint die Frontlinie eher erstarrt zu sein, die jene, die das Beson­
dere der individuellen Person an die A1lgemeinheit der Begriffe assimilieren,
von denen trennt , die auf jede Verallgemeinerbarkeit verzichten wollen und in
ihr die Zumutung einer philosophisch sublimierten Doktrin der Staatsrason er­
kennen.
"Der Schlussel zur Losung' ' des Problems der individuellen Person liegt nun
fur eine kommunikationstheoretische Position in der folgenden Formulierung:
"Die Bedeutung von Individualitat erschliefit sich aus der gleichsam autobio­
graphischen Perspektive der ersten Person - nur ich selbst kann performativ den
Anspruch stellen, als Individuum in meiner Einzigartigkeit anerkannt zu wer­
den." Das allerdings erinnert noch immer an die subjektphilosophische Privile­
gierung der Innenperspektive des Bewul3tseins, und gegen diese Privilegierung
spricht die Einsicht in die Notwendigkeit , die Vorstellung aufzugeben, es gabe
einen unmittelbaren , direkten Zugang des Subjektes zu sich selbst. Darum muf
erganzt werden : Diese Idee gehort "...aus der Kapsel absoluter Innerlichkeit
befreit und mit Humboldt und George Herbert Mead ins Medium einer Sprache
verpflanzt, die die Prozesse der Vergesellschaftung und der Indivduierung mit­
einander verschrankt C...) ." 8
Das in dieser Arbeit verfolgte Ziel ist nun, naher zu klaren, was das genau
bedeuten und wie das moglich sein kann: Da/3 die Rekonstruktion einer Spra­
che, oder besser: einer Form des Sprachgebrauches, in der Individuierung und
Vergesellschaftung verschrankt sind, einen Begriff personaler Individualitat in
Aussicht stellt, der das Moment der irreduziblen Besonderheit mit der intersub­
jektiven Geltung eines auf die personale Individualitat bezogenen Gel­
tungsanspruches verbinden kann. Ein leitender Verdacht lautet dabei, dal3 der
kommunikationstheoretische Begriff der individuellen Person ein 'Ubergewicht
der A1lgemeinheit' bisher nicht vollstandig vermeiden kann. Wenigstens wird in
der Theorie des kommunikativen Handelns die Rolle z.B. eines Sprechers , der
an rationalen Diskursen beteiligt ist, ausscWiel3lich durch die Angabe formaler,
und d.h. allgemeiner, Kompetenzen charakterisiert. Zwar gibt es in der Theorie
8 Habermas, EVVS, ebda.
ethischen Selbstverstandigung von Personen sowie des von Dilthey abgelausch­
ten Motivs der individuellen Lebensgeschichte einer Person. Doch diese Erwei­
terungen finden noch nicht recht AnscWul3 an den Anspruch, in dieser Aufuah­
me einen spezifischen Geltungsanspruch zu identifizieren, an dem gemessen
man die individuelle Identitat einer Person vernunftig nennen konnte,
Gerade wenn die Nichtverallgemeinerbarkeit von konkreten personalen
Selbstverhiiltnissen zum principium individuationis erklart wird , obwohl es da­
bei bleibt, da13 die Vernunftigkeit begriindeter Uberzeugungen nicht ohne einen
starken Universalitatsanspruch moglich sein soli, kann von einer gelungenen
Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem noch nicht gesprochen werden.
Wie also kann ich meine Individualitat 'vernunftig' nennen, ohne ihre eigene
Farbe und ihr Muster zu einem allgemein verpflichtenden Modell zu entstellen?
Dabei liegt es auf der Hand, im Faile der Individualitat einer Person an einen
Modus der Vernunftigkeit von weitaus weniger ausgreifender Allgemeinheit zu
denken. Die traditionelle Opposition von Besonderem und Allgemeinem ist nur
solange ein guter Grund , die Auszeichnung der Vernunftigkeit dem Nichtallge­
meinen vorzuenthalten, wie die Vemunft nichts Eingeschranktes sein kann.
Die Einschrankung der Vernunftigkeit einer personalen Individualitat kann
jedoch den Unterschied zwischen formaler und inhaltlicher Bestimmung sowie
den Unterschied zwischen Verstandlichkeit und Verbindlichkeit nutzen . Dann
namlich weil3 man zu unterscheiden zwischen der besonderen, aber verstandli­
chen Identitat und der authentischen und als solche kritisierbaren Lebenspraxis
einer Person. Vernunftig ware dann die authentische Form des Lebensvollzuges
mit ihrer nur einer Person auferlegten Verbindlichkeit und die hermeneutische
Nachvollziehbarkeit ihrer individuellen Bestimmungen.
Rechtsgrund der Rationaliat gewahrt, eine solche Authentizitat ermoglichen
und tragen soli, das ist noch nicht ausreichend geklart, Das mag daran liegen,
da13 die rezenten Rekonstruktionen eines sprachpragmatischen Vernunftbegrif­
fes dazu neigen, die Geltungsdimensionen der normativen Richtigkeit und der
subjektiven Wahrhaftigkeit wahrheitsanalog zuzuschneiden. Das heil3t, wenn
das Moment der Unbedingtheit des Vernunft igen als eine kontextubergreifende
15
Beziehung gedacht wird, in der das kommunikative Handeln seine Einbettung
uberschreitet, fallt der besondere Kontext, den der zeitliche Horizont einer in­
dividuellen Existenz darstellt, zwischen den Polen der lokalen Bezuge und der
universalen Beziehungen hindurch.
Die hier vorgelegte Arbeit wird durch diese Einschatzung motiviert und zu
der folgenden Vermutung gebracht: Ein erneuter, gezielter Ruckgriff auf die
durch die Metaphysikkritik uberwundene 'Subjektphilospophie' kann zu einer
Losung des Problems der Rekonstruktion personaler, individueller Identitat
beitragen. Dieser gezielte Ruckgriff ist der Versuch, die phanomenologisch­
hermeneutische Theorie der Zeitlichkeit des BewuJ3tseins bzw. der Person
sprachtheoretisch aufzuheben. Denn wahrend die phanornenologisch­
hermeneutische Deutung der spezifischen Zeitlichkeit eines personalen Selbst­
verhiiltnisses das Moment des Besonderen hervorstreicht, kann eine spracht­
heoretische Rekonstruktion dieser Deutung den AnschluJ3 an die sprachlich
vermittelte Geltung gewahrleisten.
Welchen Sinn kann dabei aber das Moment des Besonderen haben, sobald
die Nichtkommunizierbarkeit der inneren Unendlichkeit des Individuums als
Charakteristikum ausscheidet?
Ein gangiges Stichwort ist der Ausdruck "Einzigartigkeit". Mit diesem Be­
griff allein laJ3t sich jedoch bei Licht besehen wenig anfangen. Fur die metaphy­
sische Substantialitatsunterstellung, ohne die der Ausdruck "Einzigartigkeit"
gar keine klare Bedeutung hat, spricht allein schon, daf "Einzigartigkeit" ein
unauflosbares Oxymoron ist. Entweder etwas ist einzig, oder aber es gehort
einer Art an. Die Zugehorigkeit zur Gattung der Entitaten, die 'einzig in der
Welt sind', ist selbst eine allgemeineBestimmung. Und fur die konkrete Ausful­
lung dessen, was dabei mit dem Partikel "einzig" angezeigt sein soli, steht im
Sinne einer kommunikablen Bestimmung so wenig zur Verfugung, wie fur eine
propositionale Ubersetzung des beharrlichen, leeren Hinweises auf "dieses" und
immer wieder "dieses".
Genausowenig genugt es, die Individualitat einer Person ausschlielilich als
Gesamtheit ihrer Differenzen zu allem und jedem zu begreifen. Hegels Tadel
der abstrakten Negation kann hier Vorbild sein fur die Verweigerung, es bei
dem leeren Hinweis auf eine unbestimmte Verschiedenheit bewenden zu lassen.
16
Eine Person versteht sich nicht dadurch als Individuum, daf sie unaufhorlich
sich selbst vorspricht, sie sei dies nicht, sie sei das nicht, und das nachste eben­
sowenig. Eine individuelle Person zu sein, ist nicht blof die ars vivendi eines
selbstbeziiglichen Skeptikers, sondern es bedeutet, in relevanten Fiillen genau
zu wissen, welche konkreten Bestimmungen (jetzt) auf einen selbst zutreffen
und welche nicht. Das Selbstverhiiltnis einer Person muf einen bestimmten oder
bestimmbaren Inhalt haben (auch wenn solche Inhalte nicht unveranderlich
sind). Und auch wenn zur Individualitat einer Person das Obergewicht von
Selbstbestimmungen tiber Fremdbestimmungen gehort , so ist doch die Be­
stimmbarkeit konkreter Inhalte nicht anders verstandlich als unter Ruckgriff auf
die intersubjektive Verstandlichkeit des Bestimmten.
Fur die Klarung dessen, was mit der Individualitat einer Person gemeint sein
soli, scheint mir darum der Begriff der Unvertretbarkeit der aussichtsreichste zu
sem.
Denn die Einheit von Identitat und Differenz, die als Gleichzeitigkeit von
allgemeiner Verstandlichkeit und individueller Bestimmtheit die Vernunftigkeit
individueller personaler Selbstverhiiltnisse tragt, ergibt sich nicht aus einer
Leipnizschen unendlichen Versarnmlung allgemeiner Pradikate, sondern aus der
Unterscheidung zwischen Verstehbarkeit und Vertretbarkeit. Wir konnen das
individuelle Selbstverhiiltnis einer Person als ein individuelles verstehen, weil es
zwar…

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