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Evolution im Naturschutz: Von der Weide zur Wiese und zurück? · PDF fileEvolution im...

Date post:14-Aug-2019
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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Dr. Herbert Nickel Zikaden, Biodiversität, Graslandmanagement

    Ehrengard-Schramm-Weg 2 D-37085 Göttingen

    [email protected]

    Evolution im Naturschutz: Von der Weide zur Wiese und zurück?

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Dr. Herbert Nickel Ehrengard-Schramm-Weg 2

    D-37085 Göttingen [email protected]

    Evolution im Naturschutz: Von der Weide zur Wiese und zurück?

    Nachträgliche Vorbemerkung zum pdf:

    Mit extensiver Beweidung verbinde ich hier fol-

    gende Kriterien (nach Bunzel-Drüke et al. 2008,

    2015): niedriger Besatz (i.d.R. 0,3 - 0,8 GVE/ha),

    möglichst ganzjährig, möglichst Robustrassen von

    Rindern und Pferden und/oder anderen Arten, mög-

    lichst große Flächen (> 20 ha), KEINE Nachbear-

    beitung (Mähen, Schleppen, Walzen u.ä.), KEINE

    Rotation, KEINE Zufütterung (außer in Notzeiten).

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Worum geht es?

    16.10.2017 3

    • Historische Betrachtung der Graslandnutzung • Historische Betrachtung der Landschaftspflege • Argumente aus dem zoologischen Artenschutz • Blick in die heutige landschaftspflegerische Praxis • Letztendlich: ein neues, uraltes Leitbild, nicht für

    einen gespaltenen, sondern einen hochintegrativen Naturschutz

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Erste Erinne- rung von Naturschützern.

    z.B. Küster (1995), Kapfer (2010), Poschlod (2015)

    Historische Uhr der Graslandnutzung in Mitteleuropa

    16.10.2017 4

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Geschichte unserer Kulturlandschaft

    Kulturlandschaftsgeschichte

    Beginn der Jungsteinzeit Beginn der Eisenzeit

    Beginn der Römerzeit in ME

    Erste Wässerwiesen

    Ende der Allmende

    Erste Streuwiesen

    Nachkriegszeit

    Seit etwa 1980

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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Geschichte unserer Kulturlandschaft

    • unsere Leitbilder in Natur- und Kulturlandschaftsschutz orientieren am engen Zeithorizont der letzten ca. 70 Jahre

    • sie ignorieren damit fast 99% der gesamten, weitestgehend von Rinder-, Pferde-, Schaf- und Schweineweide geprägten Kulturgeschichte, dem mitteleuropäische Arkadien …

    Beginn der Jungsteinzeit Beginn der Eisenzeit

    Beginn der Römerzeit in ME

    Erste Wässerwiesen

    Ende der Allmende

    Erste Streuwiesen

    Nachkriegszeit

    Seit 1980

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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Bunzel-Drüke (1997)

    8.000 Jahre Kulturgeschichte

    Beweidung als prägender Faktor der Landschaftsgeschichte

    • Koexistenz oder gar Koevolution unserer Graslandpflanzen und -tiere mit der Megafauna über Jahrmillionen!

    • großflächige Mahd seit 200 Jahren, neuerdings fast 100 % der Grasland- fläche (einschl. Nachmahd, Schleppen, Walzen etc.!)

    • 200 vs. 20.000.000+ Jahre, also 100.000 mal so lange Beweidung

    Pleistozän (2,6 Mio Jahre)weitere 20 Mio Jahre + X

    16.10.2017 7

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Bunzel-Drüke (1997)

    8.000 Jahre Kulturgeschichte

    Beweidung als prägender Faktor der Landschaftsgeschichte

    • Koexistenz oder gar Koevolution unserer Graslandpflanzen und -tiere mit der Megafauna über Jahrmillionen!

    • großflächige Mahd seit 200 Jahren, neuerdings fast 100 % der Grasland- fläche (einschl. Nachmahd, Schleppen, Walzen etc.!)

    • 200 vs. 20.000.000+ Jahre, also 100.000 mal so lange Beweidung

    Pleistozän (2,6 Mio Jahre)weitere 20 Mio Jahre + X

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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Bunzel-Drüke (1997)

    8.000 Jahre Kulturgeschichte

    Beweidung als prägender Faktor der Landschaftsgeschichte

    • Koexistenz oder gar Koevolution unserer Graslandpflanzen und -tiere mit der Megafauna über Jahrmillionen!

    • großflächige Mahd seit 200 Jahren, neuerdings fast 100 % der Grasland- fläche (einschl. Nachmahd, Schleppen, Walzen etc.!)

    • 200 vs. 20.000.000+ Jahre, also 100.000 mal so lange Beweidung

    Pleistozän (2,6 Mio Jahre)weitere 20 Mio Jahre + X

    16.10.2017 9

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Bunzel-Drüke (1997)

    8.000 Jahre Kulturgeschichte

    Beweidung als prägender Faktor der Landschaftsgeschichte

    • Koexistenz oder gar Koevolution unserer Graslandpflanzen und -tiere mit der Megafauna über Jahrmillionen!

    • großflächige Mahd seit 200 Jahren, neuerdings fast 100 % der Grasland- fläche (einschl. Nachmahd, Schleppen, Walzen etc.!)

    • 200 vs. 20.000.000+ Jahre, also 100.000 mal so lange Beweidung

    Pleistozän (2,6 Mio Jahre)weitere 20 Mio Jahre + X

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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Rösener (1985)

    Entwicklung unserer Kulturlandschaft

    Zeitraum 1800 – 1880 • Bevölkerungswachstum

    • Einführung des Futterbaues (v.a. Leguminosen)

    • Verstärkte Einstallung des Viehs

    • Erfindung des Kunstdüngers

    • Verkoppelung („Einhegung“) der Allmenden

    • Großflächiger Ersatz der Beweidung durch die Mahd

    • Ende der Waldweide

    • Grünlandumbruch und Entwässerungen

    • Flussregulierungen

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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Zikaden Mitteleuropas

    16.10.2017 12

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Zikaden als zoologische Bioindikatoren

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    • Allgegenwärtiges Vorkommen: „Zikadosphäre“ • Sehr hohe Dichten (bis über 5.000 Tiere/qm) • Hohe Wirtspflanzen- und Standortspezifität • Große, aber noch überschaubare Artenzahl (D: ≈ 650) • Bedeutende funktionelle Rolle im Ökosystem • Standardisierte Erfassung mit dem Motorsauger • Präzise, statistisch absicherbare Vergleiche

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Erfassung der Zikaden Motorsauger erlaubt Ermittlung exakter Abundanzen (Tiere pro qm) und Vergleiche

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  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Nickel 2016

    Mahd Brache Ziegen Rinder

    Arten gesamt

    Fallbeispiel 1 Zikaden im Kaiserstuhl: Pflegemahd, „Brache“, Ziegen, Rinder (18 Transekte)

    Keine der Pflegemahdflächen (80-90% der Gesamtfläche) hält auch nur 1 prioritäre Art. Alle 5 Arten mit bundesweiter Bedeutung sind auf die Ziegenweiden und „Brachen“ beschränkt. Für 1 Art ist das Verschwinden auf den Pflegemahdflächen im letzten Jahrzehnt sogar dokumentiert

    Rote-Liste-Arten

    Mahd Brache Ziegen Rinder

    16.10.2017 15

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Nickel 2015

    Fallbeispiel 2 Hyperdiversität einer historisch alten Weidelandschaft

    Zikaden auf unterschiedlich alten Extensivweiden bei Crawinkel

    16.10.2017 16

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Nickel 2015

    Fallbeispiel 2 Hyperdiversität einer historisch alten Weidelandschaft

    Bisher einmalig: inzwischen 203 Arten auf 6 ha Fläche = 1/3 der gesamtdeutschen Zikadenarten! Europarekord, der sogar mit tropischen Tieflandsregenwäldern auf Augenhöhe steht.

    16.10.2017 17

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Fallbeispiel 2 Hyperdiversität einer historisch alten Weidelandschaft

    16.10.2017 18

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Normalfall auf einer Vertragsfläche des bayerischen Wiesenbrüterschutzes

    10-15 Arten auf > 100 Naturschutz-Mähwiesen in Bayern und Niedersachsen.

    16.10.2017 19

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    „Sie mit Ihren Zikaden“ …

    … „meine“ Zikaden sind „Ihr“ Vogelfutter und noch vieles mehr

    16.10.2017 20

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide? 16.10.2017 21

    „Sie mit Ihren Zikaden“ …

    … „meine“ Zikaden sind „Ihr“ Vogelfutter und noch vieles mehr

    „Liebling, ich habe unser Ökosystem geschrumpft.“

    Der Flaschenhalseffekt nach dem Schnitt reicht aus, um alle trophischen Ebenen oberhalb der Pflanzen dramatisch zu reduzieren.

    Mahd

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Die Mahd als Katastrophe für die Wiesenfauna

    • Egal wann: Der Mahdschnitt verursacht immer hohe Mortalitäten und den totalen Ausschluss ganzer Artengruppen

    • Schon 2-Schnittwiesen sind zoologisch extrem verarmt

    • Warum merken wir das nicht??? Weil wir nicht mehr sehen, was einmal weg ist.

    • Aber fast alles, was noch da ist, nimmt ab, z.B. die Wiesenbrüter

    16.10.2017 22

  • Evolution im Naturschutz: Wiese oder Weide?

    Frühjahr Sommer Herbst Winter

    Die Mahd als Katastrophe für die Wiesenfauna

    • Verschiedene Phänologietypen von Wirbellosen (jede Kurve steht für 10 – 50 Arten!)

    Frühjahr Sommer Herbst

    16.10.2017 23

  • Evolutio

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