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Die partiell gemeinn¼tzige (nat¼rliche) Person: Zur rechtssystematischen Erfassung von...

Date post:11-Sep-2021
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Cornelius Alders
Schriften zum Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht
Schriften zum Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht
Reihe herausgegeben von S. Geibel, Heidelberg, Deutschland
Das Recht der Non-Profit-Organisationen und der Zivilgesellschaft, man könnte auch sagen das Recht des Dritten Sektors insgesamt, wirft besondere Fragen in fast allen Rechtsbereichen auf, kristallisiert sich aber vor allem in den Bereichen des Organisations- und des Steuerrechts. Die Reihe „Schriften zum Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht“ greift zwei besonders kenn- zeichnende Rechtsgebiete heraus, die als eine Art pars pro toto für das gesamte Recht der Non-Profit-Organisationen und der Zivilgesellschaft herangereift sind. In der Schriftenreihe zum Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht werden deshalb Dissertationen gerade in diesen Bereichen veröffentlicht, die Reihe nimmt aber auch Arbeiten insbesondere zum Vereinsrecht, Gesellschaftsrecht und Genossenschaftsrecht, zum Recht des Ehrenamts oder der Sozialunter- nehmer, zu wirtschaftsrechtlichen oder zu internationalen, europarechtlichen oder rechtsverglei- chenden Themenstellungen mit Bezug zum Dritten Sektor auf.
Weitere Bände in der Reihe http://www.springer.com/series/15544
Cornelius Alders
Cornelius Alders Frankfurt am Main, Deutschland
ISSN 2522-5944 ISSN 2522-5952 (electronic) Schriften zum Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht ISBN 978-3-658-20792-2 ISBN 978-3-658-20793-9 (eBook) https://doi.org/10.1007/978-3-658-20793-9
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Inhaltsverzeichnis
Problemaufriss ............................................................................................................................ 1 A Die Gemeinnützigkeit als Instrument der Gemeinwohlförderung ........................................ 1
B Konzept der Engagementförderung ....................................................................................... 7
I Einheitliche Nomenklatur ............................................................................................... 8 II Einheitliches Rechtskonzept der Gemeinnützigkeit ..................................................... 12
C Vergleichsperspektive US-Nonprofit-Law .......................................................................... 13
D Gang der Untersuchung ....................................................................................................... 14
Erstes Kapitel: Bestandsaufnahme zu §§ 51-68 AO und § 1 Abs. 1 KStG .............................. 17 A Das Dogma der gemeinnützigkeitsrechtlichen Statusbeschränkung ................................... 17
I Der Körperschaftsbegriff des § 51 Abs. 1 AO ............................................................. 18 II Die weiteren Tatbestandsvoraussetzungen der §§ 52-68 AO ....................................... 21
1 Gemeinnützige Zwecke, § 52 AO .............................................................................. 21
a Förderung auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet ......................... 22
b Begriff der Allgemeinheit ................................................................................. 22
c Förderung bürgerschaftlichen Engagements .................................................... 25
2 Mildtätige und kirchliche Zwecke, §§ 53-54 AO ...................................................... 27
3 Selbstlosigkeit, § 55 AO ............................................................................................ 28
a Definitionsansätze ............................................................................................ 28
b Prüfungssystematik ........................................................................................... 29
d Verbot der fremdnützigen Mittelverwendung .................................................. 33
aa Anwendungsbereich der Mittelverwendungsvorgaben ........................ 34
bb Satzungsmäßige Mittelverwendung ...................................................... 34
cc Zeitnahe Mittelverwendung, § 55 Abs. 1 Nr. 5 AO ............................. 34
dd Verbot vorrangiger Mitgliedernützigkeit .............................................. 35
ee Verbot der Drittnützigkeit ..................................................................... 36
ff Grundsatz der Vermögensbindung ....................................................... 36
4 Ausschließlichkeit, § 56 AO ...................................................................................... 37
5 Unmittelbarkeit, § 57 AO ........................................................................................... 38
6 Zusammenführung der formellen und materiellen Voraussetzungen ........................ 42
7 Wirtschaftliche Betätigung von gemeinnützigen Körperschaften ............................. 45
B Steuersystematische Auslegung .......................................................................................... 48
C Historische Betrachtung der Aufgaben und Ziele der Gemeinnützigkeit ............................ 50
D Rechtsvergleichende Betrachtung des US-Nonprofit-Law?................................................ 55
I Motivlage bei gemeinnütziger Tätigkeit ...................................................................... 62 II Ertragslage bei gemeinnütziger Tätigkeit ..................................................................... 63
B Abgrenzung zur Marktsphäre durch unentgeltliche Wertschöpfung ................................... 64
C Abgrenzung zur Staatssphäre durch freiwilliges privates Engagement .............................. 69
D Maßstab der Systemkohärenz für Förderinstrumente .......................................................... 71
E Zwischenergebnis ................................................................................................................ 72
I Statusvoraussetzungen .................................................................................................. 77 1 Formelle Voraussetzungen ......................................................................................... 77
2 Materielle Voraussetzungen ....................................................................................... 78
3 Sozialversicherungsschutz ......................................................................................... 81
6 Vergünstigungen im Straßenpersonen- und Eisenbahnverkehr ................................. 85
7 Sonderurlaub und Waisenrente .................................................................................. 85
8 Qualifiziertes Zeugnis ................................................................................................ 86
2 Strukturen zur Zielerreichung .................................................................................... 89
3 Unabhängige Prüfinstanz ........................................................................................... 90
b BFDG als Rechtsrahmen für gemeinnütziges Engagement ............................. 94
B Freiwilliger Wehrdienst ....................................................................................................... 95
Inhaltsverzeichnis VII
a Formelle Voraussetzungen ............................................................................... 99
b Materielle Voraussetzungen ........................................................................... 100
2 Konkrete Förderung ................................................................................................. 100
II Auslandsjugendfreiwilligendienste ............................................................................ 102 D Stellungnahme: Die Freiwilligendienstformate als Gemeinnützigkeitsstatus ................... 105
Viertes Kapitel: Gemeinnütziges Engagement von Individuen im Pflegerecht ..................... 107 A Pflegepersonen und Pflegezeit .......................................................................................... 107
I Statusvoraussetzungen ................................................................................................ 108 II Konkrete Förderung.................................................................................................... 110
1 Rentenversicherungsschutz ...................................................................................... 110
2 Unfallversicherungsschutz ....................................................................................... 112
5 Schulungsangebote ................................................................................................... 113
7 Fazit Förderkonzept ................................................................................................. 114
2 Strukturen zur Zielerreichung .................................................................................. 116
3 Unabhängige Prüfinstanz ......................................................................................... 117
4 Verfassungsrechtliche Rechtfertigung ..................................................................... 118
a Streitbare Verfassungswerte ........................................................................... 120
c Abwägung mit den Grundrechten Dritter ....................................................... 123
B Stellungnahme: Die Pflegeperson als Gemeinnützigkeitsstatus ........................................ 125
Fünftes Kapitel: Gemeinnütziges Engagement von Individuen im Steuerrecht .................... 127 A Ansätze im Einkommensteuergesetz ................................................................................. 127
I Steuerprivileg: Übungsleiterpauschale, §§ 3 Nr. 26-3 Nr. 26b EStG ........................ 129
VIII Inhaltsverzeichnis
aa Tätigkeitsfelder ................................................................................... 130
bb Nebenberuflichkeit .............................................................................. 132
dd Höhe des Freibetrages ......................................................................... 134
b § 3 Nr. 26a EStG ............................................................................................. 134
c § 3 Nr. 26b EStG ............................................................................................ 135
2 Konkrete Förderung ................................................................................................. 136
c Strukturen zur Zielerreichung ......................................................................... 139
II Steuerprivileg: Freistellung nach § 3 Nr. 5 EStG ....................................................... 140 III Steuerprivileg: Freistellung nach § 3 Nr. 36 EStG ..................................................... 143 IV Steuerprivileg: Anrechnung des Pflege-Pauschbetrages nach § 33b Abs. 6 EStG .... 144 V Steuerprivileg: Anrechnung nach § 10b EStG ........................................................... 146 VI Steuerprivileg: Senkung der Steuerlast nach § 34h EStG (nicht umgesetzt) ............. 148
B Ansätze im Erbschaft- und Schenkungsteuergesetz .......................................................... 148
C Ansätze im Umsatzsteuergesetz ........................................................................................ 151
D Ansätze im Grundsteuergesetz .......................................................................................... 152
E Ansätze im Kraftfahrzeugsteuergesetz .............................................................................. 153
F Zusammenfassung der Ansätze im Steuerrecht ................................................................. 153
Sechstes Kapitel: Gleichbehandlungsgebot und Statusbeschränkung ................................... 155 A Rechtlich relevante Ungleichbehandlung .......................................................................... 156
B Rechtsfertigungsansätze .................................................................................................... 157
I Individuen und der Zwecksetzungsakt ....................................................................... 158 II Individuen und Ausschließlichkeit nach § 56 AO ...................................................... 159 III Individuen und Selbstlosigkeit ................................................................................... 161 IV Individuen und Überprüfbarkeit des Gemeinnützigkeitsstatus .................................. 164 V Zwischenfazit ............................................................................................................. 166
C Verfassungskonforme Auslegung des Gemeinnützigkeitsbegriffes .................................. 167
Siebtes Kapitel: De lege ferenda-Skizze des Gemeinnützigkeitsrechts ................................. 171 A Verortung der Gemeinnützigkeit im System der Gemeinwohlförderung ......................... 172
Inhaltsverzeichnis IX
B Änderungsmöglichkeiten bei Perspektivwechsel .............................................................. 181
I Systematische Eingliederung des Rechtsgebietes ...................................................... 181 II Ideenskizze zur Neufassung des Rechtsrahmens der Gemeinnützigkeit .................... 184
1 Rechtsvergleichende Perspektive des US-Nonprofit-Laws ..................................... 184
a Nondistribution constraint .............................................................................. 185
2 Grundsätze der Gemeinnützigkeit ............................................................................ 188
a Grundsatz der unentgeltlichen Wertschöpfung .............................................. 188
b Grundsatz der Freiwilligkeit ........................................................................... 189
c Grundsatz des qualifizierten Gemeinwohlbezuges ......................................... 189
3 Zentrale Fachaufsicht vgl. der englischen Charity Commission ............................. 190
4 Verschiedene Rechtsstatus ....................................................................................... 192
aa Statusfähigkeit .................................................................................... 192
cc Vorrang der zeitnahen Mittelverwendung .......................................... 194
dd Staatliche Anerkennung und Statusprüfung ....................................... 195
b Status partiell gemeinnützige Person .............................................................. 195
aa Statusfähigkeit und Trägerschaft ........................................................ 195
bb Staatliche Anerkennung und Statusprüfung ....................................... 196
Zusammenfassung .................................................................................................................. 197 Thesen .................................................................................................................................... 199 Literaturverzeichnis ................................................................................................................ 201
Problemaufriss
Täglich engagieren sich in Deutschland Freiwillige für das Gemeinwohl, so etwa als Jugend- freiwilligendienstleistende, als Bundesfreiwilligendienstleistende oder als ehrenamtliche Hel- fer im Auftrag von gemeinnützigen Körperschaften. Sie engagieren sich mit der Überzeu- gung, für die Gemeinschaft Gutes zu tun.1 Diese Engagementbereitschaft natürlicher Personen würdigt der Staat durch verschiedene Förderinstrumente, die nachfolgend zusammengetragen und den Förderinstrumenten für gemeinnützige Körperschaften vergleichend gegenüberge- stellt werden. Bereits im Jahr 2010 gab die damalige Bundesregierung mit der Nationalen Engagementstrategie2 das Ziel vor, durch geeignete Rahmenbedingungen einen Nährboden zu schaffen, auf dem freiwilliges Engagement in ganzer Vielfalt gedeihen kann. Im Vordergrund stehe die Förderung innovativer Lösungen durch Akteure vor Ort als gemeinsame Anstren- gung des Staates, der Wirtschaft und der Bürgergesellschaft. Dabei sei der Staat angewiesen auf die Initiative und die Verantwortungsbereitschaft eines jeden engagierten Bürgers, der mit seinem Engagement einen unverzichtbaren Beitrag zur Bewältigung der gesellschaftlichen Aufgaben und zur Sicherung von Wachstum und Wohlstand für alle leiste. Bürgerschaftliches Engagement könne zwar kein Ersatz für notwendige staatliche Leistungen sein, sei aber eine tragende Säule jedes freiheitlichen, demokratischen, sozialen und lebendigen Gemeinwesens.3 In diesen Kontext greift die vorliegende Abhandlung ein und stellt sich der Frage, „inwieweit bürgerschaftliches Engagement das staatliche Handeln ersetzen, ergänzen oder erneuern kann“4. Sie soll einen Beitrag dazu leisten, den derzeitigen rechtlichen Blickwinkel auf ge- meinnütziges Handeln zu überprüfen und die Umsetzung der Nationalen Engagementstrategie alternativ zu durchdenken.
A Die Gemeinnützigkeit als Instrument der Gemeinwohlförderung
Auf die politische und rechtssystematische Einordnung der Gemeinnützigkeit beziehen sich auch die von Geibel aufgeworfenen Fragen danach, ob sich das Gemeinnützigkeitsrecht aus dem Gemeinwohl speist, welche Funktionen und Vorgaben es bei der Gemeinwohlförderung hat, ob es von Verfassung wegen notwendig sei und welche Akteure das Gemeinwohl konkre- tisieren (dürfen).5
1 Institut für Demoskopie Allensbach, Motive des bürgerschaftlichen Engagements, 2013, S. 24 ff.; BMFSFJ,
Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009, Zusammenfassung, S. 12. 2 BMFSFJ, Nationale Engagementstrategie der Bundesregierung, v. 6.10.2010, S. 5. 3 BMFSFJ, Nationale Engagementstrategie der Bundesregierung, v. 6.10.2010, S. 3, 5. 4 Kirchhof, Gemeinnützigkeit – Erfüllung staatsähnlicher Aufgaben durch selbstlose Einkommensverwendung,
DSTJG Bd. 16, 2003, 1 (3). 5 Geibel, Gemeinnützigkeit als Gemeinwohlförderung: eine Skizze, GS Brugger, Verfassungsvoraussetzungen,
2013, S. 429 ff.
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 C. Alders, Die partiell gemeinnützige (natürliche) Person, Schriften zum Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20793-9_1
2 Problemaufriss
Ausgangspunkt jeder Überlegung zur Herleitung einer Gemeinnützigkeit aus dem Gemein- wohl ist der Gemeinwohlbegriff. Zielrichtung der Abhandlung soll es allerdings nicht sein, den seit Jahrtausenden interdisziplinär kontrovers diskutierten Begriff des Gemeinwohls6 um- fassend inhaltlich darzulegen. Viel eher wird als Gemeinwohl die Idee vom guten Zustand des Gemeinwesens angenommen.7 Nach Cicero ist dieser Zustand vom Volk aus zu definieren.8 Isensee konkretisiert den Begriff, in dem er innerhalb einer politisch organisierten Gemein- schaft (Staat) zwischen Gemeinwesen (Staat im weiteren Sinne) und der Herrschaftsorganisa- tion (Staat im engeren Sinne) unterscheidet und das Gemeinwohl als im Gemeinwesen sitzend verortet.9 Im Mittelpunkt steht das Wohlergehen der Bürgerschaft als Gesamtheit der Bürger in einer staatlich verbundenen Allgemeinheit.10 Um eine politische Organisation (Verfassung) als gut bewerten zu können, muss sie nach Aristoteles auf den allgemeinen Nutzen und nicht auf den Vorteil der Regierenden (Vertreter des Staates im engeren Sinne) angelegt sein.11 Auf der Suche nach einem Ziel, das eine Gemeinschaft anstreben kann, wurde das Gemeinwohl in seiner abstrakten Dimension bereits früh als mögliches Leitbild12 identifiziert und in die un- terschiedlichen Modelle einer politischer Organisation aufgenommen. Nach Fraenkel bestimmt sich das Gemeinwohl in westlichen Demokratien als Resultante ei- nes geregelten Kräftespiels unterschiedlicher Interessengruppen im Nachhinein als Gemein- wohl a posteriori.13 Die Abhandlung wird auf dem Weg zur Herleitung und Identifikation einer Gemeinnützigkeitssphäre innerhalb des Systems der Gemeinwohlförderung in Deutsch- land der Frage nachgehen, ob es bestimmte Anforderungen gibt, die an dieses Kräftespiel der Interessen zu stellen sind, wenn sich das politische System der abstrakten Gemeinwohlidee 6 Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staats-
rechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 1 ff.; Münkler/Bluhm, Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe, in: Münkler/Bluhm, Gemeinwohl und Gemeinsinn, Historische Semantiken politischer Leitbegriffe, 2001, S. 9-30; Droege, Gemeinnützigkeit im offenen Steuerstaat, 2010, S. 13 f.
7 Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staats- rechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 2.
8 Cicero, de re publica, I, S. 25, III, S.1. Die öffentliche Sache (das Gemeinwohl) ist Sache des Volkes („Est igitur […] res publica res populi“). Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isen- see/Kirchhof, Handbuch des Staatsrechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 9.
9 Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staats- rechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 7.
10 Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staats- rechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 7 f.
11 Aristoteles, Politik, III., S. 6; Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isen- see/Kirchhof, Handbuch des Staatsrechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 8.
12 Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staats- rechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 1.
13 Fraenkel, Deutschland und die westlichen Demokratien, 2011, S. 293. „Unter Gemeinwohl soll im Folgen- den eine in ihrem Kern auf einem als allgemein gültig postulierten Wertkodex basierende, in ihren Einzelhei- ten den sich ständig wandelnden ökonomisch-sozialen Zweckmäßigkeitserwägungen Rechnung tragende re- gulative Idee verstanden werden, die berufen und geeignet ist, bei der Gestaltung politisch nicht kontroverser Angelegenheiten als Modell und bei der ausgleichenden Regelung politisch kontroverser Angelegenheiten als bindende Richtschnur zu dienen.“ Fraenkel, Deutschland und die westlichen Demokratien, 2011, S. 292 f.
A Die Gemeinnützigkeit als Instrument der Gemeinwohlförderung 3
verspricht. Das tatsächliche Ausüben des Kräftespiels führt innerhalb einer Gemeinschaft zur Realisierung eines konkreten Gemeinwohls.14 Letzteres wird als Ergebnis des Verhaltens aller Bürger verstanden und beschreibt den tatsächlich gefundenen, vorherrschenden Interessen- ausgleich innerhalb einer Gemeinschaft. Es wird ständig neu gebildet und zeigt auf, wie kon- krete Interessenkonflikte gelöst werden.15 Während das abstrakte Gemeinwohl ein anzustre- bender Idealzustand bleibt, ist das konkrete Gemeinwohl der gegenwärtige Realzustand in einer Gemeinschaft. Soll dieser Realzustand verändert werden, stehen in einem Verfassungs- und Rechtsstaat grundsätzlich drei große Stellschrauben zur Verfügung, die unabdingbar auf- einander einwirken: Verfassung, Staat und Bürger. Ausgehend von der abstrakten Gemeinwohlidee und der besonderen Gewichtung bestimmter Interessen (beispielsweise Freiheitsrechte), schreibt die Verfassung Grundregeln fest und konkretisiert die Gemeinwohlidee auf der ersten Stufe. Die Verfassung schafft eine Herr- schaftsorganisation (Staat im engeren Sinne16), deren Aufgabe es ist, im Rahmen der Verfas- sung eine eigene konkrete Gemeinwohlidee zu entwickeln und über das Herrschaftsinstru- ment des Rechtes einen Handlungsrahmen für Bürger und Staat festzusetzen. Jedes Handeln von staatlichen Organen oder Bürgern innerhalb dieses Handlungsrahmen (rechtskonformes Handeln) konkretisiert die Gemeinwohlidee auf einer zweiten Stufe.17 Das tatsächliche Han- deln aller Akteure stellt in seiner Gesamtheit den genannten Realzustand dar, den tatsächlich gefundenen Interessenausgleich, mit dem sich das politische System vor der abstrakten Ge- meinwohlidee verantworten muss. Im politischen System des Grundgesetzes wird die Deutungshoheit über das Gemeinwohl zwar auf Volk und Bürger zurückgeführt (Art. 20 Abs. 2 GG), liegt aber strukturell gebündelt bei Staat und Verfassung als hierfür von der Gemeinschaft eingesetzten, überindividuellen Konkretisierungsinstanzen.18 Die Verfassung schafft den Staat und bindet die gesamte staatli- che Gewalt an die Grundrechte der Artikel 1 bis 19 GG (Art. 1 Abs. 3 GG) und an sich selbst
14 Für Isensee nimmt die abstrakte Gemeinwohlidee erst in dem staatlichen Verband, der sie sich zu Eigen
macht, durch die realen Lebensbedingungen und Rechtsstrukturen konkrete Gestalt an. Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staatsrechts, Bd. III, Das Han- deln des Staates, 1988, § 57 Rn. 6.
15 Droege, Gemeinnützigkeit im offenen Steuerstaat, 2010, S. 319; Rossen-Stadtfeld, Beteiligung, Partizipation und Öffentlichkeit, in: Hoffmann-Riem/Schmidt-Aßmann/Voßkuhle, Grundlagen des Verwaltungsrechts, Bd. 2, 2008, § 29 Rn. 62.
16 Isensee, Gemeinwohl und Staatsaufgaben im Verfassungsstaat, in: Isensee/Kirchhof, Handbuch des Staats- rechts, Bd. III, Das Handeln des Staates, 1988, § 57 Rn. 7.
17 Gemeinwohlkonkretisierung als Prozess; Schuppert, Gemeinwohldefinitionen im kooperativen Staat, in: Münkler/Fischer, Gemeinwohl und Gemeinsinn im Recht, 2002, S. 67; Droege, Gemeinnützigkeit im offenen Steuerstaat, 2010, S. 320; Weiß, Privatisierung und Staatsaufgaben, 2002, S. 70.
18 Für das Verhältnis zwischen den beiden Instanzen legt Art. 20 Abs. 3 GG über die Bindung der Legislative an die verfassungsmäßige Ordnung den Vorrang der Verfassung fest. Huster/Rux, in: BeckOK, GG, 2017, Art. 20 Rn. 165; Grzeszick, in: Maunz/Dürig, GG, 2016, Art. 20 VI. Rn. 17.
4 Problemaufriss
(Art. 20 Abs. 3 GG). Das Bundesverfassungsgericht erkennt in seiner Fraport-Entscheidung diesen staatlichen Gemeinwohlauftrag an.19 Der Staat befindet sich gerade vor dem Hintergrund seiner Grundrechtsbindung in einem „Di- lemma des Interessenausgleichs“. Er muss die in der Verfassung festgeschriebenen Verfas- sungswerte aktiv schützend gewährleisten20 und darf die Bürgerrechte dabei nur möglichst geringfügig und schonend beeinträchtigen.21 Wenn er handelt, dann aus Gründen des Gleich- behandlungsgebotes (Art. 3 Abs. 1 GG) grundsätzlich gegenüber allen Bürgern gleich. Diese Aufgabe ist nur in Form eines Kompromisses nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit22 lösbar, denn jedes staatliche Handeln zur Gemeinwohlförderung ruft Belastungen und damit Freiheitseinschränkungen bei zumindest einigen Bürgern hervor. Auf dieses Dilemma kann der Gedanke der Gemeinnützigkeit nun in besonderer Weise einwirken. Gemeinnütziges En- gagement unterstützt den Staat in seinen Aufgaben, indem es Interessenkonflikte löst und ihnen vorbeugt. Die Interessen der Konfliktparteien werden ohne weitere staatliche Einmi- schung durch das Handeln unbeteiligter Dritter, gemeinnützig tätiger Akteure, ausgeglichen. Eine weitere Besonderheit ergibt sich dadurch, dass die Gemeinnützigkeit von privaten Akt- euren ausgeht. Sie kann Interessenkonflikte einzelfallbezogen lösen und damit auf eine Art, die dem Staat aufgrund von Art. 3 Abs. 1 GG nicht zugänglich ist.
19 BVerfG, v. 22.2.2011, 1 BvR 699/06, Fraport, BVerfGE 128, 266. Ebenso Isensee, Gemeinwohl und Bürger-
sinn im Steuerstaat des Grundgesetzes – Gemeinnützigkeit als Bewährungsprobe des Steuerrechts vor der Verfassung, in: FS Dürig, Das akzeptierte Grundgesetz, 1990, S. 57 f.; Isensee/Knobbe-Keuk, Gutachten der Unabhängigen Sachverständigenkommission zur Prüfung des Gemeinnützigkeits- und Spendenrechts, 1988, 331, Sondervotum, S. 404 ff.; Hüttemann, Wirtschaftliche Betätigung und steuerliche Gemeinnützigkeit, 1991, S. 171; Leisner-Egensperger, in: Hübschmann/Hepp/Spitaler, AO, 2011, § 51 Rn. 23.
20 BVerfG, v. 28.5.1993, 2 BvR 2/90, 4/92, 5/92, BVerfGE 88, 203; Diese Schutzpflicht erwächst dem Staat aus dem Untermaßverbot. Das verfassungsrechtliche Untermaßverbot gibt dem Staat auf, einen wirksamen und angemessenen Mindeststandard von Grundrechtspositionen insbesondere gegenüber anderen Bürgern zu gewährleisten; obwohl die Grundrechte primär Abwehrrechte des Bürgers gegenüber dem Staat darstellen, darf sich der Staat bei zu intensiven Grundrechtsbeeinträchtigungen der Bürger untereinander nicht untätig bleiben, sondern er hat eine Schutzpflicht gegenüber den beeinträchtigten Rechtspositionen. Diese Schutz- pflicht erwächst ihm aus dem Rechtsstaatsprinzip, seiner Grundrechtsbindung (Art. 1 Abs. 3 GG) und den jeweiligen Rechtspositionen. Grzeszick, in: Maunz/Dürig, GG, 2016, Art. 20 VII. Rn. 126-128.
21 Der Staat darf nicht übermäßig in die Grundrechte der Bürger eingreifen; er muss die auszugleichenden Ver- fassungsgüter abwägen und von mehreren verhältnismäßigen Varianten die grundrechtsschonendste wählen. Jenes Übermaßverbot wird aus dem Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 GG), den jeweiligen Verfassungsgütern und der Grundrechtsbindung des Staates (Art. 1 Abs. 3 GG) hergeleitet. Huster/Rux, in: BeckOK, GG, 2017, Art. 20 Rn. 140-142.
22 Dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz wird die Funktion zugeschrieben, im Widerstreit zwischen Individualin- teressen (und Gemeinschaftsinteressen) sicherzustellen, dass die verfassungsrechtlich verankerten, funda- mentalen Individualrechte aller Bürger angemessen berücksichtigt werden. In dieser Interpretation ordnet das Bundesverfassungsgericht den Grundsatz dem Rechtsstaatsprinzip zu (BVerfG, v. 17.6.2004, 2 BvR 383/03, BVerfGE 111, 54; v. 24.4.1985, 2 BvR 2/83, 69, 1); leitet ihn aber auch aus den Grundrechten selbst ab. BVerfG, v. 12.5.1987, 2 BvR 1226/83, 101/84, 313/84, BVerfG 76, 1; Huster/Rux, in: BeckOK, GG, 2017, Art. 20 Rn. 189-190.
A Die Gemeinnützigkeit als Instrument der Gemeinwohlförderung 5
Der deutsche Gesetzgeber steht in der Verantwortung, eine eigene, aus der Verfassung abge- leitete konkrete Gemeinwohlidee zu entwickeln und in ein Rechtssystem der Gemeinwohlför- derung zu überführen. Hierfür ist es aufgrund von Art. 3 Abs. 1 GG erforderlich, die in Kon- flikt stehenden Interessen in der Gemeinschaft auf einer abstrakten Interessenebene gegenei- nander abzuwägen und die Interessenkonfliktentscheidungen dann in einem zweiten Schritt gegenüber allen Interessenträgern in der Gemeinschaft gleich durchzusetzen. Hinter jeder staatlichen Entscheidung steht eine solche Interessenabwägung und die in dieser konkreten Abwägung für gewichtiger gehaltenen Interessen, werden durch den Abwägungsprozess zu vorrangigen „Gemeinschaftsinteressen“. Alle Bürger, die sich innerhalb des staatlich gesetzten Rechtssystems und folglich systemkon- form verhalten, konkretisieren und realisieren die Gemeinwohlvorstellung von Staat und Ver- fassung. Sie verhalten sich gemeinwohlförderlich. Unterschiede kann es aber in der Intensität des Gemeinwohlbezuges eines rechtmäßigen Verhaltens geben. Weil die Verfassung dem Bürger Freiheitsrechte und eine Privatsphäre garantiert, kann er sich gemeinwohlförderlich verhalten und vorrangig eigene Individualinteressen…

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