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D E A D LY D U S T

K A R L M A Y ’ S

G E S A M M E L T E W E R K E

BAND 88

K A R L - M A Y - V E R L A G

B A M B E R G R A D E B E U L•

Z W E I E R Z Ä H L U N G E N A U S D E M

W I L D E N W E S T E N

V O N

K A R L M A Y

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INHALT

Herausgegeben von Lothar und Bernhard Schmid 2008 Karl-May-Verlag, Bamberg

Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehaltenDeckelbild: Carl-Heinz Dömken

ISBN (eBook-Ausgabe in pdf ) 978-3-7802-1788-2

Die Geburtsstunde einer Legende – Karl Mays „Abenteuer aus dem nordamerikanischen Westen“ Deadly dust

DEADLY DUST

1. An der großen Westbahn

2. Die Stakemen

3. Unter den Komantschen

4. In Kalifornien

Von Eisenbahnräubern, wilden Indianern und frommen Siedlern – Karl Mays Erzählung von Winnetous Tod in ihrer frühen Fassung

IM ‚WILDEN WESTEN‘ NORDAMERIKAS

1. Die Railtroublers

2. Helldorf-Settlement

3. Am Hancockberg

7

29

100

159

258

357

383

424

460

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Deadly dust

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Die Geburtsstunde einer LegendeKarl Mays

„Abenteuer aus dem nordamerikanischen Westen“

Deadly dust

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – so hat Her-mann Hesse einmal geschrieben. In der Tat gilt das auch besonders für jene literarischen Werke, in denen eine später berühmte Gestalt erstmals vom Autor ans Licht der lesen-den Öffentlichkeit gebracht wird. Wer nun den ersten Band der berühmten Winnetou-Trilogie von Karl May liest, der möchte wirklich meinen, hier werde zum allerersten Mal die Geschichte des Ich-Erzählers, der später zur Wildwest-legende Old Shatterhand wird, und seines Freundes und Blutsbruders Winnetou geschildert.

Doch in der Tat verhält es sich ganz anders: Von der drei-bändigen Buchausgabe aus dem Jahre 1893 ist nur der ers- te Band exklusiv für die Veröffentlichung im Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld geschrieben worden. Die beiden folgenden Bände, die scheinbar die ‚späteren‘ Abenteuer der beiden berühmten Freunde beschreiben, stellte May dagegen aus Texten zusammen, die er teilweise schon 17 Jahre früher verfasst hatte. Die Erzählung um Old Shat-terhand, den Westmann Sans-ear und die Verbrecherbande von Vater und Sohn Morgan, mit der Winnetou III beginnt, war erstmals 1880 in der Zeitschrift Deutscher Hausschatz veröffentlicht worden, damals unter dem Titel Deadly dust. Ein Abenteuer aus dem nordamerikanischen Westen.

Deadly dust markiert innerhalb von Mays Schaffen den Ursprung der ‚Old-Shatterhand-Legende‘. Zwar hat May auch schon früher Ich-Helden durch die nordamerikani-schen Prärien geschickt, so in Old Firehand, der Urfassung des späteren Mittelteils von Winnetou II, doch kann man diesen Ich-Erzähler bestenfalls als ‚Prä-Shatterhand‘ be-zeichnen, als Archetypen, aus dessen Merkmalen sich spä-ter die berühmte Gestalt speiste. Wohl verfügt bereits der

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Erzähler in Old Firehand über bemerkenswerte Künste im Fährtenlesen und in der Meisterschaft des Überlebens unter widrigen Umständen; im Mittelpunkt der Erzählung steht aber neben den Wildwestabenteuern vor allem die wechsel-volle Liebesbeziehung zwischen dem Erzähler und der jun-gen Ellen, einer – wie man sagen möchte – beinahe ‚eman-zipierten‘ Frau, die sich keineswegs dem Diktat des Helden unterwirft. Als May diese Geschichte später umformte zu Im fernen Westen (und anschließend, in neuer Überarbei-tung, in Winnetou II übernahm), strich er die Gestalt der Ellen und die Liebesgeschichte und führte die merkwür-dig androgyne Figur des Knaben Harry ein. Offenbar hatte May selbst gespürt, dass eine Romanze in seine Konzeption des Wildwestabenteuers nicht mehr recht passen wollte. So ist denn der spätere Old Shatterhand meist standhaft unbe-weibt, bleibt die Romanze mit Nscho-tschi in Winnetou I platonisch und ohne Happy End.

In Deadly dust also tritt der Held zum ersten Mal als ei-gentlicher Old Shatterhand auf, mit allen Attributen dieser Gestalt, dem gewaltigen Jagdhieb, der ‚Schmetterfaust‘, der Sicherheit im Fährtenlesen und im Schießen, überhaupt in allen Künsten des Westens, und insbesondere mit der na-türlichen Überlegenheit des charismatischen Heroen, die ihm auch im Wettstreit mit anderen berühmten ‚Helden des Westens‘ immer die Oberhand verleiht. Wie in den meisten späteren Old-Shatterhand-Erzählungen wird der Held von anderen Westleuten mit „Charley“ angeredet, von Winnetou aber zärtlich mit „Shar-lih“. Ein Gedanke, den May vor allem in Winnetou I weiter ausführte, ist hier in Deadly dust bereits rudimentär vorhanden: So erscheint der Held zunächst als ‚Greenhorn‘, als Anfänger im Wilden Westen, in dem man keineswegs den berühmten Old Shat-terhand zu erkennen vermag.

May hat die Möglichkeiten dieser Greenhorn-Idee in der Erzählung Der Scout (1888/1889) besonders intensiv aus-probiert: Hier ist der Ich-Held allerdings wirklich ein Neu-

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ling mit allen dazugehörigen, manchmal recht lachhaften Attributen, der das Handwerk des Westmanns erst durch allerlei Pannen und Fehler erlernen muss. In Winnetou I verhalten sich die Dinge dann schon anders. Zwar hat May die den Scout einleitenden Bemerkungen über das Wesen des Greenhorns weitgehend für den Auftakt der Trilogie übernommen, doch mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Protagonist hier nur anfänglich wie ein solches er-scheint, während schon bald sein wahres Charisma als ‚ge-borener Held‘ erkennbar wird.

Ähnlich liegen die Dinge in Deadly dust: Sans-ear beklagt zwar am Anfang die Schande, von einem Greenhorn besiegt worden zu sein, aber nur, weil er dem äußeren Anschein der Kleidung und der Waffen des Ich-Helden entnahm, dieser sei ein Neuling, der gerade zum ersten Mal in die Prärie reiten wollte (Deutscher Hausschatz, VI. Jahrgang, künftig abgekürzt DH VI, S. 436). May thematisiert hier, typisch für seine Wild-West-Ideologie, den Widerspruch zwischen ‚Schein‘ und ‚Sein‘: Der Held wird irrtümlich für etwas anderes gehalten, als er tatsächlich darstellt, weil die sau-bere Kleidung und die ‚nagelneuen‘ Waffen den voreiligen Beobachter täuschen. In der Tat gibt es dafür aber eine ra-tionale Erklärung: „Wer sich Jahre lang im Wilden Westen umhertreibt, ist in Beziehung auf seinen Habitus nicht sa-lonfähig und vermuthet in Jedem, der sich propre trägt, ei-nen Greenbill, dem nichts Rechtes zuzutrauen ist. Ich hatte mich droben in Fort Wilfers mit neuer Kleidung versehen und war von jeher gewohnt, meine Waffen blank zu halten: zwei Umstände, welche nicht geeignet waren, mich in den Augen eines Savannenläufers als vollgültig erscheinen zu lassen.“ (DH VI, S. 434)(DH VI, S. 434)

In diesen Sätzen wird bereits einiges von der Einstellung deutlich, die das Bild vom ‚Helden des Westens‘ in Mays klassischen Erzählungen prägen wird: Anders als der Bür-gerlich-Sesshafte ist der Westläufer stets unterwegs, er ver-lässt sich nur auf die eigene Kraft und die seiner Waffen, er

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folgt den Gesetzen der Savanne, nicht der Zivilisation und er ist, soweit möglich, von materiellen Zwängen unabhän-gig (auch vom Geld), er schlägt sich selbst durch. Dieses im Grunde unromantische Bild einer Wildwest-Welt, wo-rin nur die Gesetze der ‚dark and bloody grounds‘ den un-barmherzigen Kampf ums Dasein bestimmen, definiert die Position von Deadly dust an der Schwelle zwischen Mays frühen Abenteuergeschichten, oft voller Grausamkeit und brutalen Szenen, und den späteren ‚Reiseerzählungen‘, in denen die Helden dem christlichen Ideal der Nächstenliebe immer mehr folgen.

„Wer die Prairie nicht kennt, ahnt nichts von der Gluth der Erbitterung, mit welcher sich zwei Rassen bekämpfen, deren Angehörige von Schritt zu Schritt im Blute ihrer Gegner schreiten. Betritt der noch zartfühlende Mensch, der Christ, die ‚dark and bloody grounds‘, so fühlt er sich entsetzt von der Strenge und Rücksichtslosigkeit, zu wel-cher die Savanne ihre kraftvollen Söhne erzieht; bald aber zwingt ihn das grausame Gesetz der Selbsterhaltung, alle seine Kräfte gegen Gewalten einzusetzen, denen gegenüber die Schonung zu seinem eigenen sicheren Untergang füh-ren würde; und er erkaltet nach und nach im Innern wie Alle, welche vor ihm den ‚Athem der Savanne tranken‘.“ (DH VI, S. 467)

Zu diesem Bild des ewigen, unbarmherzigen Kampfes in einem wahrhaft ‚wilden‘ Westen passt die Gestalt des Sans-ear, der den Tod seiner Familie an den Verbrechern Morgan und den Indianern rächen will. Doch enthält Mays Zeich-nung vom gefährlichen Leben in der gnadenlosen Prärie, die er in Deadly dust gibt, auch immer wieder Gegensig-nale. Die Indianer erscheinen bei ihm nicht als grausame, gesetzlose Geschöpfe: „Der Indianer ist keineswegs der ‚Wil-de‘, für den er ausgegeben wird. Er hat seine unumstößli-chen Gesetze und Gebräuche. Wer sich dieselben nutzbar zu machen versteht, läuft wenig Gefahr.“ (DH VI, S. 605) Nicht zuletzt seine vorzügliche Kenntnis der indianischen

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Sitten und Gebräuche (auch der Religion) ermöglicht es Old Shatterhand, immer wieder gefährlichen Situationen, wie der mit To-kei-chun und den anderen Komantschen, zu entrinnen.

Obwohl es in Deadly dust zahlreiche Momente archety-pischer Grausamkeit gibt, hat May es doch nicht versäumt, insbesondere seinem Ich-Helden wiederholt moralische Bedenken und Gewissensskrupel zuzugestehen; so ist das Gericht an den ‚Stakemen‘, die gefesselt ins Wasser gewor-fen werden, zwar von erheblicher Brutalität, die aber durch die Reflexionen Old Shatterhands etwas gemildert wird: „[...] ich konnte den Blick unmöglich auf die Stätte rich-ten, welche zwei Menschen eines zwar zehnfach verdienten, aber immerhin gewaltsamen Todes sterben sehen sollte. [...] ‚Sam‘ – sagte ich leise, indem ich mich zu ihm neig-te, damit die Andern meine Worte nicht hörten – ‚beflecke Dich nicht mit dem Blute der Mörder, indem Du sie als Wehrlose kaltblütig niederschießest. Solche Rache entehrt einen Christenmenschen und ist Sünde. Ueberlaß sie dem Neger!‘“ (DH VI, S. 574f.)(DH VI, S. 574f.)

Immerhin offenbaren solche Bemerkungen auch eine gewisse Widersprüchlichkeit in den frühen May-Texten: Einerseits wird Verzicht auf Rache gefordert unter Verweis auf die Gebote des Christentums, andererseits bittet Old Shatterhand Sans-ear lediglich darum, die eigentliche Ra-chetat dem Diener Bob zu überlassen. In späteren Reise-erzählungen wird sich May sehr viel deutlicher von Rache und Gewalt, von Selbstjustiz und dem ‚Gesetz der Savanne‘ distanzieren.

Zu den wichtigen Charakteristika der Old-Shatterhand-Gestalt gehört es auch, dass May betont, dieser sei nicht nur Abenteurer und Westmann, sondern vor allem auch Schriftsteller, ‚book-maker‘, der seinen Lesern von den Er-lebnissen in der Ferne berichten will: „[...] dann erzähle ich Alles, was ich erlebt und gesehen habe, und viele Tausende von Leuten lesen es und wissen dann sehr genau, wie es in

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der Savanne zugeht, ohne dass sie nöthig haben, selbst in die Prairie zu gehen.“ (DH VI, S. 435)(DH VI, S. 435)

May macht hier nichts weniger deutlich als den Anspruch seiner Reiseerzählungen, die unterhalten, aber auch beleh-ren wollen. Die enge Verbindung zwischen der erdichteten Existenz als großer Westmann und Reisender und Mays tatsächlichem ‚Beruf ‘ als Dichter wird in späteren Werken immer deutlicher, wenn etwa in der Satan und Ischariot-Trilogie die Identität zwischen Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi einerseits und „Dr. Carl May, Schriftsteller aus Dresden“ andererseits ganz stark betont wird.

Im frühen Deadly dust sind solche Hinweise auf die Doppelexistenz des Ich-Erzählers als ‚Westmann und Poet dazu‘ eher spielerisch zu verstehen. Immerhin reagiert Sans-ear auf die Mitteilung, das scheinbare Greenhorn sei ein Buchschreiber, mit einer Drohung, die ihn selbst in Gefahr bringen wird: „Bei Euch dürfte man ja kein Wort sprechen und keinen Arm bewegen, ohne dass es alle Welt erfährt. Hole Euch Dieser und Jeder; trollt Euch schleunigst von dannen!“ (DH VI, S. 435) Warum hat May diese Überre-aktion des kleinen Westmanns so deutlich inszeniert? Viel-leicht wollte er scherzhaft darauf hinweisen, dass die hier beschriebene Wildwest-Welt eben tatsächlich nur Fiktion ist, während Sans-ear so deutlich darauf besteht, nicht zur Bücherfigur gemacht zu werden. In der Tat spielt der Wi-derspruch zwischen der realen Welt des Westens, die May in seiner Erzählung evoziert, und der literarischen Tradition, auf der er seine Erfindungen aufbaut, in Deadly dust eine wichtige Rolle.

Das zweite Kapitel „Die Stakemen“ beginnt in der Wüste des Llano estacado und zeigt den Ich-Helden und seinen Freund Sans-ear, wie sie dem Verdursten nahe sind. Kurz zuvor findet sich der interessante Hinweis: „Wir hatten die Apacheria durchritten, jenen Boden, den der Liebhaber von Abenteuerromanen beinahe klassisch nennen könnte, da der berühmte ‚Waldläufer‘ von Gabriel Ferry auf demselben

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spielt, und mich selbst mußten diese weiten, vom Rio Gila durchzogenen Gründe auf das Lebhafteste interessieren, da ich diesen ‚Waldläufer‘ vor Kurzem erst im Gewande einer Umarbeitung aus dem Französischen in das Deutsche über-tragen hatte. Dies war auch der Grund gewesen, weshalb ich mich in den Wigwams der Apachen etwas länger aufge-halten, als vorher bestimmt war.“ (DH VI, S. 482)(DH VI, S. 482)

Dieser Exkurs in das wahre Leben Karl Mays kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich hatte er 1879 den Wald-läufer für Neugebauers Verlag zwar nicht aus dem Französi-schen übersetzt, wohl aber auf Grund vorliegender Überset-zungen für die Jugend bearbeitet und stark verändert. Der Hinweis auf Ferry in Deadly dust belegt, wie bedeutsam diese literarische Quelle für May wurde. Ferrys Waldläufer ist mehr als ein gewöhnlicher Indianerroman; Kindesver-tauschungen, abenteuerliche Intrigen unter Mexikanern, Jagdabenteuer und andere Elemente des klassischen Aben-teuerromans sind hier bunt gemischt, wobei May die Kol-portagezüge in seiner Jugendbearbeitung stark abmilderte. Die Gestalt des Indianerhäuptlings ‚Rayon-brulant‘ (Bren-nender Strahl) hat ihn wohl deutlich zu jener Gestaltung des Winnetou inspiriert, wie er im zweiten Teil von Deadly dust vor die Augen der Leser tritt. Mit dem Hinweis auf Ferry markiert May also den literarischen Boden, auf dem sich seine Erzählung bewegt. Immer wieder werden hinter den Ereignissen und Abenteuern aus Deadly dust literari-sche Vorbilder erkennbar, die „Apacheria“ beispielsweise inspiriert durch Ferry. Andere Motive konnte May dem ei-genen Werk entnehmen.

Der Llano estacado, die tödliche Wüste, die zur Falle wird, wenn die ‚Stakemen‘ die als Wegweiser dienenden Pfähle versetzen und so den Wanderer in die Irre führen, damit er später seiner Wertsachen beraubt werden kann, ist ein in Mays Werk bis hin zu der Erzählung Der Geist der Llano estacata für den Guten Kameraden immer wiederkeh-render typischer Plot. Die im zweiten Kapitel von Deadly

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dust geschilderte Situation hatte der Autor kurz zuvor be-reits in der Erzählung Ein Dichter ausprobiert: Hier rettet der Held seinem Gefährten das Leben; in Deadly dust wird der Neger Bob vor dem Verdursten gerettet. Als May Ein Dichter später als Mittelteil für die Buchausgabe Die Rose von Kairwan übernahm, hat er die Situation so geändert, dass nun der Gefährte des Helden, Tim Summerland, die-sem das Leben rettet, damit die Parallelen zu Deadly dust und Ein Dichter nicht so auffällig wurden. In Wirklichkeit handelt es sich um drei nur leicht veränderte Varianten der-selben Geschichte.

Auch im ersten Kapitel von Deadly dust, „An der großen Westbahn“, bewegte sich May auf schon gut bestelltem lite-rarischen Boden. Die Geschichte eines Eisenbahnüberfalls durch Indianer, die von geldgierigen Weißen unterstützt werden, findet sich in seinem Frühwerk häufiger, einmal in Old Firehand, dann auch in dem Roman-Erstling Auf der See gefangen; hier ist es Sam Fire-gun, der hünenhafte Westmann, der den Überfall durch die Ogellallahs verhin-dert; in Deadly dust stehen Old Shatterhand und Sans-ear den Angreifern gegenüber. Sans-ear mit seiner kleinen kör-perlichen Gestalt und dem großen Mut sowie einem ent-sprechenden Mundwerk erinnert nicht nur durch seinen wirklichen Namen Sam Hawerfield an Sam Hawkens.

Eine weitere Textstelle, die man leicht überlesen könnte, verweist auf die Verwandtschaft zwischen den Eisenbahn-überfallpassagen in Auf der See gefangen und Deadly dust:

„‚Old Shatterhand? Den kenne ich!‘ antwortete der Wei-ße. ‚Er befand sich einst in dem Hide-spot von Old Fire-hand, als ich dasselbe mit einigen wackeren Männern an-griff, um uns ihre Ottern- und Biberfelle zu holen.‘“ (DH(DH VI, S. 454)

Im Verlauf von Auf der See gefangen soll unter anderem das Versteck der Wertsachen von Sam Fire-gun, auch ein ‚Hide-spot‘, ausgeraubt werden. Das „Abenteuer aus dem nordamerikanischen Westen“ wie May Deadly dust nannte,

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ist also immer wieder eine Abwandlung eigener und frem-der Geschichten. Dazu gehört, dass May quer über den Text viele Andeutungen auf frühere Abenteuer Old Shatter-hands verstreute. Die Episode um Ma-ti-ru, den Häuptling der Ogellallah, der Old Shatterhand gefangen nahm und ihm seine Tochter zur Braut geben wollte, was Shatterhand aber verschmähte und stattdessen die Flucht ergriff, ist ein solches Beispiel für eine ‚Geschichte in der Geschichte‘. In Deadly dust wird sie als bekanntes Abenteuer Old Shatter-hands vorausgesetzt, aber nicht im eigentlichen Sinne er-zählt, sondern lediglich in der Kurzfassung durch Ka-wo-mien, was der Held denn auch entsprechend kommentiert: „Es war wirklich eines meiner früheren Abenteuer, welches Ka-wo-mien erzählte.“ (DH VI, S. 454)(DH VI, S. 454)

Diese Episode wirft ein bezeichnendes Licht auf die Art und Weise, wie Karl May seine Old-Shatterhand-Legende gestaltete: als Kette von abenteuerlichen Geschichten, die stets dazu beitragen, die Gestalt Old Shatterhands als fast überlebensgroße Wundergestalt erscheinen zu lassen, durch Übertreibung des jeweiligen Erzählers. Vielleicht ist hier auch ein Schuss Selbstironie des Autors vorhanden, der na-türlich wusste, dass die ganze Legende eine Verknüpfung von Abenteuergeschichten mit einem Moment des ‚Wun-derbaren‘ darstellte. So ist ja auch Mays Kara Ben Nemsi nicht mehr nur ein Superheld, sondern eine fast götter-gleiche Gestalt, die über Wunderwaffen verfügt, pausenlos schießen kann und wie ein Engel oder Dämon nach Belie-ben erscheint und verschwindet.

„Der Erzähler hatte die Wahrheit berichtet, nur mußte ich ihm im Stillen den Vorwurf machen, daß er sich in Be-ziehung auf meine Person einer zu großen Ausschmückung bediente.“ (DH VI, S. 454)(DH VI, S. 454)

May bediente sich bei der Schilderung seiner Ich-Hel-den nicht nur der Mittel des realistischen Erzählens und der Abenteuergeschichte, sondern mischte auch Motive der Heiligenlegende und des Zaubermärchens mit hinein.

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Auf diese Weise entsteht auch in Deadly dust das Bild eines legendären Helden, den eigentlich keiner so genau kennt, dem seine eigene Legende vorauseilt und bei dem andere Westmänner, erst wenn sie seine Bekanntschaft machen, verblüfft feststellen, sie hätten sich ihn weitaus älter, erfah-rener oder eben ganz anders vorgestellt.

„Old Shatterhand muss viel, viel älter sein als Ihr, sonst würde man ihn nicht den alten ‚Schmetterhand‘ nennen“, (DH VI, S. 436) mutmaßt Sans-ear, der seltsamerweise die Bedeutung des Beinamens ‚Old‘ – eben im Sinne der Erfah-renheit, nicht des bloßen Lebensalters – nicht kennt.

Immer wieder kann sich der Ich-Erzähler auch auf den Aberglauben der Indianer berufen, wenn ‚wundersame‘ Ge-schichten von Old Shatterhand erzählt werden. So ist die Erzählstrategie Mays im Kern aus immer neuen ‚abenteu-erlichen‘ Historien zusammengesetzt und durch Verweise auf andere eigene Texte oder auf die verwendeten Quellen komplex gestaltet.

Ein besonders interessantes Beispiel dafür, wie May eige-nes Textmaterial wiederverwendete, findet sich zu Beginn des dritten Kapitels von Deadly dust, wo Winnetou und seine Feinde, die Komantschen, in die Handlung eingrei-fen. Beginnt die gesamte Erzählung sozusagen aus dem ‚Nichts‘ mit dem Erscheinen des Westmanns Old Shatter-hand in der Prärie, dem sich dann nach einiger Zeit eine zweite Gestalt zugesellt, Sans-ear, so wird das zweite Kapitel mit einer Beschreibung des Llano als sozusagen prototypi-scher Landschaft der Einsamkeit und der Verzweiflung, als ‚Wüste‘ im wahrsten Sinne, eingeleitet. Das dritte Kapitel führt aus den Savannen (große Westbahn) und der Wüste (Stakemen) in die Gebirge mit einer eindrücklichen Land-schaftsschilderung:

„Da, wo die Gebiete von Texas, Arizona und Neu-Mexi-ko zusammenstoßen, also an den Zuflüssen des Rio grande del Norte, erheben sich die Berge der Sierren des los Or-ganos, Rianca und Guadelupe und bilden ein Gebiet von

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wilden, wirr durcheinander laufenden Höhenzügen. [...] Hier herauf kommt der kühne Jäger, nur allein auf sich und seine Büchse angewiesen; hier herauf steigt der Flücht-ling, welcher mit der Civilisation zerfallen ist; hier herauf schleicht sich der Indsman, der aller Welt den Krieg erklärt, weil alle Welt ihn vernichten will. [...] Was treibt sie herauf in diese abgeschlossenen Höhen? Es gibt nur eine Antwort: die Feindschaft gegen Mensch und 'ier, der Kampf um ein Dasein, welches dieses Kampfes nicht immer werth zu nennen ist.“ (DH VI, S. 533)(DH VI, S. 533)

Dies ist mehr als eine bloße Landschaftsschilderung, als eine Ortsbeschreibung; hier wird ein Handlungsort be-stimmt, gleichzeitig aber auch eine Atmosphäre des Be-drohlichen entwickelt. Das ist nicht bloß irgendein Ort im Wilden Westen, es ist der Schauplatz wilder Kämpfe und Auseinandersetzungen, der Ort, wo sich Ausgestoßene und Verzweifelte treffen, hier „stoßen die Jagdgründe und Ge-biete der Apachen mit denen der Comanchen zusammen“ (DH VI, S. 534), also die von Todfeinden. Schon anhand dieser Beschreibung lässt sich vorausahnen: Jetzt wird es wirklich ernst mit der Handlung, dies ist „ein höchst ge-fährliches Terrain“ (DH VI, S. 534). Aus der kurzen Text-passage wird sehr deutlich, dass der Erzähler seine Hand-lung auf einen neuen Höhepunkt zutreibt: Scherz beiseite!

Ganz offenbar fand May diesen Handlungseinstieg so überzeugend, dass er ihn noch einmal wiederverwendete, und zwar praktisch unverändert: Genau dieselbe Beschrei-bung (von „Da, wo die Gebirge von Texas...“ bis „...ohne welches er vielleicht auch verloren ist.“ mit kleineren stilis-tischen Änderungen) findet sich im Anfangsteil des 7. Ka-pitels von Mays Roman Die Juweleninsel wieder, die er für die Zeitschrift Für alle Welt! des Stuttgarter Verlages Göltz & Rührling verfasste (die entsprechenden Teile von Die Juweleninsel erschienen zirka Frühjahr 1881). May hat die Textzeilen sicher nicht aus bloßer Verlegenheit fast wörtlich übernommen; vielmehr gefiel ihm offenbar die Beschwö-

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rung äußerster Gefahr, die mit dieser Passage verbunden war, und er setzte sie in einen anderen, aber verwandten inhaltlichen Zusammenhang um.

Deadly dust ist äußerlich gesehen – wie manche der frühen exotischen Erzählungen Mays – eine Aneinander-reihung von Einzelepisoden. Zusammengehalten werden sie von zwei großen 'emen: einmal der Jagd auf die Ver-brecher Patrik und Fred Morgan, dann aber auch des ti-telgebenden „deadly dust“ selbst, der Schätze, denen man nachjagt, für die man Leib und Leben opfert und die doch bloß vergänglich sind. Bemerkungen, die auf die Sinnlo-sigkeit der Sucht nach Gold und Geld hinweisen, finden sich über den ganzen Text hinweg eingestreut. So geht es den Indianern bei dem Überfall nicht um Gold und Silber, dies bedingt Fred Morgan sich ganz allein als seine Beu-te aus (DH VI, S. 454), wie auch die Stakemen mit ihren Manipulationen im Llano estacado vor allem darauf abzie-len, den Goldgräbern ihre Schätze abzujagen. May macht deutlich, dass diese Gier nach materiellen Gütern letztlich vergeblich ist, wenn beispielsweise viele der von den Mor-gans geraubten Banknoten unwiederbringlich im Wasser eines reißenden Flusses verschwinden: „Die beiden Mor-gans hatten also Sorge gehabt, daß sie ihre Schätze von den Comanchen nicht bekommen würden, und sich mit den-selben davongemacht. [...] Grad da, wo die Pferde in das Wasser gestürzt waren, machte der Fluss eine Krümmung, so daß eine Wirbelung entstand, welche uns alle Hoffnung nehmen mußte, das von den Fluthen Verschlungene jemals wieder herauszubekommen – deadly dust, tödlicher Staub!“ (DH VI, S. 586)

Ähnliches findet sich im Lauf der Geschichte immer wie-der, auch nach der Gefangennahme der Morgans am Ende: „Das Gold, wegen dessen so viele Menschen hatten sterben müssen, war verloren – deadly dust!“ (DH VI, S. 666)(DH VI, S. 666)

Man geht sicher nicht fehl, solche Lehren, die May in seine Geschichte immer wieder einstreut, in Zusammen-

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hang mit einer grundlegenden ‚Wildwest-Philosophie‘ sei- ner Erzählungen zu bringen. Wichtig ist für den West-mann die Bewährung in Kampf und Auseinandersetzung, aber nicht das Streben nach materiellen Gütern, die sich doch als nichtig erweisen. Dafür treten andere Interessen, wichtigere Dinge in das Leben der Helden: Kameradschaft, Treue, auch Beharrlichkeit (etwa bei der Jagd nach den Ver-brechern Morgan) und vor allem Freundschaft. Als großes Beispiel für solche Tugenden führt der Erzähler die innige Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand vor. Obwohl Winnetou erst im 3. Kapitel der Erzählung – und dann eher abrupt – auftaucht, muss man sich eine längere Vorgeschichte denken.

Winnetou und Old Shatterhand sind offenbar seit län-gerem Freunde und ‚Brüder‘; die ausführliche Schilde-rung der Anfänge ihrer Freundschaft hat May später in verschiedenen Etappen, etwa im Scout (und wieder anders in Winnetou I ) nacherzählt. Man muss sich den Winne-tou des Deadly dust offensichtlich schon als reifen Krieger vorstellen. Die Idee, dass Winnetou mit 35 Jahren starb, ist May wohl erst später gekommen. Die „ächt römische Nase“ (DH VI, S. 537) des Apatschenhäuptlings findet auch in Winnetou I Erwähnung. Ansonsten wird in Deadly dust neben der Schönheit auch eine gewisse Wildheit in Winnetous Zügen erwähnt: „Wäre sein Gesicht nicht mit Kriegsfarben bemalt gewesen...“, heißt es einmal, und dann: „Die fast unmerklich hervortretenden Backenknochen stör-ten die schöne Harmonie der Züge nicht, vielmehr gaben sie ihnen etwas eigenthümlich Fremdartiges, was den Be-schauer fesseln mußte.“ (DH VI, S. 536) In Winnetou I und anderen späteren Beschreibungen des Häuptlings wird deutlich, dass May sich im Lauf der Jahre dessen Gestalt und Gesicht immer weiblicher imaginierte, bis hin zu dem merkwürdig androgynen Winnetou der Sascha-Schneider-Bilder mit den herabhängenden Haaren. Im frühen Deadly dust vereint Winnetou Fremdheit und Schönheit mitei-

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nander. Er ist ein kriegerischer Häuptling, aber auch eine imponierende Erscheinung: „So wie er hier saß unter den Bäumen der Wildniß, hätte er ruhig auf der Bühne oder auf einem der eleganten Maskenbälle einer europäischen Resi-denz erscheinen können, [...] so ritterlich und gebieterisch zugleich [war] seine ganze Erscheinung.“ (DH VI, S. 536) Winnetou auf dem Maskenball, das scheint ein seltsamer Gedanke, aber der Autor will in dieser Bemerkung wohl ei-nerseits das Imponierende der Figur, andererseits aber auch ihre ‚Künstlichkeit‘, ihr ‚Erdichtetes‘, hervorheben.

Erwähnt werden muss aber auch, dass May dem Winne-tou von Deadly dust noch viele archetypische, wilde Züge verleiht, die zum Teil den Vorbildern bei James Fenimore Cooper und Gabriel Ferry entsprechen oder auch den In-dianerfiguren (Tokeah, El Sol) Charles Sealsfields. So will die kaltblütige Ermordung des Verbrechers Holfert (DH VI, S. 554) ebenso wenig zum Bild des ‚edlen‘ Indianers passen wie Winnetous Absicht, das Grab seiner Feinde zu schänden und ihre Gebeine „in alle Winde zu zerstreuen“ (DH VI, S. 555). Ebenso seltsam mutet – unter dem Ge-sichtspunkt der späteren Weiterentwicklung der Gestalten – die Tatsache an, dass Old Shatterhand sich in der Wildnis selber seine Zigarren nach ‚Westmannsmethode‘ herstellt (DH VI, S. 451). Derartige Episoden gehören noch zu der Welt der Mayschen ‚Prä-Shatterhands‘.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Aus-klang der Erzählung, denn hier wird ausdrücklich ein Ab-schied zwischen Old Shatterhand und Winnetou geschil-dert, bei dem offen bleibt, ob es sich tatsächlich um die letzte Begegnung der Helden handeln sollte: „Und so steht er noch heut in meiner Erinnerung und wird nie darin ver-löschen, er, der edle Typus einer dem Untergang geweih-ten Rasse, der meine innigste Teilnahme gehört.“ (DH VI, S.667) May hat sich Winnetous Tod später ja ganz ausführ-lich neu überlegt; der seltsam offene Schluss von Deadly dust erklärt sich vielleicht daraus, dass die Geschichte

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selbst nach so langen Irrungen und Wirrungen recht un-befriedigend aufgelöst wird. Die Verbrecher werden ge-fangen, können dann aber „auf eine auch später nicht zu erklärende Weise“ (DH VI, S. 666) noch einmal entfliehen, um schließlich doch von den Indianern niedergemacht zu werden. Sans-ear selbst ersticht den ‚Vaterbösewicht‘ Fred Morgan. Möglicherweise hat May diese radikale Auflösung seiner Geschichte, ohne Gottesgericht, ohne überzeugen-den Showdown, ohne echte Vergeltung oder Vergebung, so wenig befriedigt, dass er wenigstens mit einem rührenden Abschied zwischen Winnetou und Old Shatterhand ab-schließen wollte.

Auf die Episodenstruktur von Deadly dust wurde schon hingewiesen. Allerdings sind die Episoden nicht nur durch die zentrale 'ematik der Vergänglichkeit von Geld und Gut miteinander verklammert, sondern auch durch eine geschickte Strategie des ‚Spiels mit Landschaften und Or-ten‘. Die Erzählung beginnt in der endlosen Ebene der Prä-rie, auf der Schnittstelle zwischen Wildnis und Zivilisation, markiert durch die große West-Ost-Eisenbahn, die die Fer-ne des Westens mit den mächtigen Städten des amerika-nischen Ostens verbindet. Die Handlung schreitet fort in eine noch extremere Landschaft, den Llano, die Wüste, in der jedes Leben zu erstarren droht. Im dritten Kapitel er-reichen wir die Felsengebirge und die Grenze zwischen den Jagdgebieten der Apatschen und der Komantschen, gefähr-liches Territorium und Schauplatz für eine weitere Zuspit-zung der Handlung. Auf der Suche nach Allan Marshall, dem Bruder des Juweliers Bernard, nähert sich das Gesche-hen im Schlussteil der kalifornischen Westküste und den Goldgräbergebieten mit ihren Höhenzügen und Tälern. Der Schritt von der Ebene in die Berge wird später als Sym-bol für das Streben des Menschen nach Höherentwicklung in Mays Leben und Schaffen noch oft fruchtbar werden.

Diesem ‚Spiel mit Räumen‘ entspricht eine geschickte An-ordnung und Verwendung einfacher Grundmotive. Neben

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den Abenteuern der Helden sind die ersten beiden Kapitel bestimmt durch die Mächte der Natur, durch Feuer (Prä-riebrand) und Wasser (im Llano estacado zündet der Ich-Er-zähler Kakteen an, um dadurch in einer meteorologischen Reaktion Regen zu erzeugen). Im dritten Kapitel stehen die Kämpfe zwischen Helden und rivalisierenden Indianern im Vordergrund, im letzten Kapitel wird die ‚Wildwest-Philo-sophie‘ des Ganzen noch einmal veranschaulicht durch die humoristischen Ereignisse auf der Ranch der Mexikaner. Den Savannengerichten der Trapper steht hier das Pseudo-Gericht des Don Fernando über die vermeintlichen Kuhdie-be und Mormonen gegenüber, einer Welt der Freiheit und der Selbstbestimmung die der degenierten Bourgeoisie, die sich in ihren eigenen Gesetzen und ihrem Bildungsdünkel (die burleske Wissensprobe durch Donna Elvira, die später in San Francisco stattfindet) verfängt. So bleibt die Erzäh-lung trotz aller scheinbaren Abschweifungen ein stringentes Ganzes, das durch Mays bemerkenswertes Spiel mit Land-schaften und Orten zusammengehalten wird.

Stellt Deadly dust also sozusagen die Geburtsstunde des Old-Shatterhand Mythos dar, so ist es umso interessanter zu beobachten, wie May diese frühe Geschichte für die Buchausgabe Winnetou III (Band 9 der Gesammelten Rei-seerzählungen, Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg 1893, Reprint Bamberg 1982, künftig abgekürzt F 9)1 be-arbeitete und adaptierte.

Als Karl May die Trilogie vorbereitete, schrieb er den ersten Band ganz neu und gestaltete dabei den Beginn der Freund-schaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand deutlich anders als in den ursprünglichen Erzählungen. Möglicher-weise hatte May daran gedacht, auch die folgenden Bände ganz neu zu verfassen; es wurde aber nichts daraus.2 Zu ei-

1 Heute Karl Mays Gesammelte Werke Band 9. Der Seitenumbruch der modernen Ausgabe weicht natürlich von dem der Erstausgaben des Fehsenfeld-Verlages ab.

2 Am 16. Oktober 1892 hatte May zumindest gegenüber seinem Verleger Fehsenfeld er- klärt: „Am Liebsten schriebe ich alle 3 Bände neu.“ Vgl. Karl Mays Gesammelte Werke und Briefe Band 91, „Briefwechsel mit Friedrich Ernst Fehsenfeld I“ (1891-1906), Seite 93.

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ner gänzlich neuen Konzeption fehlte ihm wohl die Kraft, die Zeit und letztlich auch der Wille. Das Vorgehen, ältere Texte in die Bände II und III zu übernehmen, erwies sich unter der Hand schwieriger als Gedacht, weil der Autor feststellen musste, wie viel doch zu ändern oder anzupassen war, um das Alte in den neuen Rahmen zu fügen. Das Er-gebnis war ein Kompromiss, der allerdings bedeutete, dass sich das Erscheinen der drei Bände erheblich verzögerte.

Betrachtet man die Veränderungen, die May etwa an Dead- ly dust vornahm, so fällt auf, dass er zwar das Gerüst des Textes unangetastet ließ, aber immer wieder nicht unerheb- liche Streichungen und Veränderungen in der Erzählung vor-nahm. Insbesondere wurde der ganze Text sorgfältig durch-gesehen und stilistisch an einigen Stellen verbessert. Die zahlreichen Fremdworterläuterungen, die May im Deut-schen Hausschatz gab, sind zum Teil geblieben, zum Teil aber harmonisch in den Text eingearbeitet worden. So liegt der Ich-Erzähler am Anfang nicht mehr auf einer „Serape“, son- dern gleich eingedeutscht „auf meiner Decke“ (F 9, S. 3).

In der Urfassung des Deutschen Hausschatzes fanden sich ferner Anspielungen an andere May-Erzählungen des Blat-tes wie Unter Würgern und Der Boer van het Roer, die May schon deswegen eliminieren musste, weil die betreffenden Texte erst später in der Fehsenfeld-Ausgabe erscheinen soll-ten.

Nicht überall hat May freilich Momente, die im alten Kontext ganz natürlich waren, aber nicht mehr zum gewan-delten, humaneren Weltbild des Winnetous passten, ganz eliminiert. Manches ist stehengeblieben, was kaum mit der neuen Gestaltung harmonieren wollte.

Die erste wichtige Veränderung ergibt sich, wenn Sans-ear die toten Ogellallahs im wahrsten Sinne ‚bei den Oh-ren‘ nimmt; im Hausschatz wollte er ihnen nur „mein Zeichen einschneiden“, „und machte allen an den Ohren einen leichten Ringelschnitt mit dem Messer“ (DH, VI, S. 438). Eine solch fast zärtliche Behandlung hätte wohl zum

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gewandelten Ethos der Westleute von 1893 gepasst, aber May hat es generell versäumt, Sans-ear, den Indianertöter, in der Buchausgabe in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Stattdessen wird die Stelle im Buch durch einen eingeschobenen Satz verdeutlicht: „vorher aber will ich ih-nen die Ohren nehmen“, und der Vorgang später präzisiert: „[...] schnitt ihnen die Ohren ab und gab sie ihnen in die Hände“ (F 9, S. 17). Sans-ears Handeln wurde durch die Bearbeitung also nicht menschenfreundlicher, sondern so-gar drastischer.

Eine kleine, aber bedeutsame Änderung hat May auf S. 30 (F 9) vorgenommen: Gefragt, ob er die Sprache der Ogellallahs verstehe, antwortete der Ich-Erzähler in der Hausschatz-Fassung noch mit „Ziemlich“, im Buch, ent-sprechend dem neuen Selbstbewusstsein des Sprachgenies Old Shatterhand, aber schlicht mit „Ja“.

Eine Streichung hat May in der Geschichte vorgenom-men, die Ka-wo-mien von den Abenteuern Old Shatter-hands bei Ma-ti-ru erzählt. Der Hinweis, „Er hatte noch keinen Namen, denn er war erst vor einigen Monden über das große Wasser herübergekommen, welches die Segelhäu-ser und die Feuerschiffe der Bleichgesichter trägt“ (DH VI, S. 454), ist in der Buchfassung (F 9, S. 40) ganz weggefal-len, denn nun gab es ja neue Geschichten über die Anfänge Old Shatterhands in Winnetou I zu lesen. Auch kurz danach hat May noch einmal einen Satz bezüglich der Vorgeschich-te gestrichen.

Eine wichtige Änderung hat er unmittelbar nach der Ermordung der beiden indianischen Wächter durch Sans-ear vorgenommen. Der Satz über die Gesetze der Prärie ist noch stehengeblieben (F 9, S. 56), die folgenden bedeut-samen Bemerkungen über die „dark and bloody grounds“ (DH VI, S. 467) aber hat May ganz getilgt, weil sie nicht mehr zu seinem neuen Wildwest-Bild passen wollten. Ge-gen Ende des 1. Kapitels hat der Autor erneut Sans-ears makabres Handeln zugespitzt; statt des schon bekannten

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Ringelschnitts (DH VI, S. 481) halten die „toten Indsmen“ nun auch hier „die abgeschnittenen Ohren in den Händen“ (F 9, S. 78).

Die nächste wichtige Veränderung findet sich zu Ende des 2. Kapitels: Hier hat May einen neuen Schlusssatz ein-gefügt. „Das Feuer verzehrte das ganze zusammengeraubte Gut der Stakemen.“ (F 9, S. 143) Diese Ergänzung unter-streicht nachhaltig das wichtige 'ema von Trug und Ver-gänglichkeit des „deadly dust“.

Am Beginn des 3. Kapitels hat May die Zusammenkunft zwischen Winnetou und Old Shatterhand neu gefasst, in-dem er eine herzliche Umarmung der beiden hinzufügte (F 9, S. 155f.). Die ausführliche Beschreibung Winnetous (DH VI, S. 536) ist dafür ganz entfallen (F 9, S. 157), weil Winnetou im ersten Band bereits detailliert und teilweise anders beschrieben wurde. Nach dieser Streichung hat May einen neuen Übergang in die Buchausgabe eingefügt (F 9, S. 157 unten und 158 oben), um danach wieder weitge-hend dem Urtext zu folgen.

Die kaltblütige Ermordung Holferts durch Winnetou, an und für sich mit der moralischen Ausrichtung der Tri-logie unvereinbar, ist dennoch unverändert übernommen worden, ein Zeichen, das sich May von manchen arche-typischen Strukturen der alten Erzählung nicht trennen mochte. In der Urfassung findet sich (DH VI, S. 554) eine längere Fußnote über eine Anekdote bei der Büffeljagd, die May wohl 1893 als überflüssig empfand und einfach weg-ließ (F 9, S. 171).

Später hat May die Bemerkung Winnetous, wonach er das Grab eines Komantschenhäuptlings aufsuchen will, um seine Gebeine „in alle Winde“ zu zerstreuen, ebenso getilgt wie eine nachfolgende Stelle über Winnetous Feind Tschu-ga-chat (F 9, S. 175).

Eine weitere Streichung erklärt sich wohl daraus, dass es sehr viele parallele Stellen im Werk Mays gibt, sodass die ver-gleichenden Bemerkungen über Schwarzbären und Grizzlys

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zu Beginn der Bärenjagd (DH VI, S. 572) in Winnetou III (F 9, S. 186) unproblematisch wegfallen konnten, da sich schon im ersten Band eine Bärenjagd findet.

Weiter hat May außer einigen kleinen Glättungen und Streichungen zwecks größerer Eleganz der Sprache bis zum Ende des Komantschen-Kapitels keine wesentlichen Verän-derungen mehr vorgenommen.

Die bisherigen Beobachtungen zeigen, dass May Stellen strich und veränderte, wenn sie in allzu deutlichem Wider-spruch zu anderen Episoden der Winnetou-Trilogie stan-den, dass er Belehrendes und Wissenswertes dann wegfallen ließ, wenn sich ähnliche Bemerkungen an anderer Stelle des Werkes vorfanden, und dass er sehr subtil und mit einem genauen Auge für jedes Detail vorging. Umso interessanter ist die Lektüre des Urtextes Deadly dust im Hinblick auf diese entfallenen oder transformierten Passagen.

Auch im abschließenden Californien-Kapitel ging May sehr subtil vor. Die ergötzliche Episode um den mexikani-schen Ranchero und seine Damen hat er so gut wie unver-ändert übernommen. Einmal ist ihm in der Buchausgabe (eine seltene Ausnahme, aber kein Unikat) sogar ein Druck-fehler des Urtextes mit untergeschlüpft: Wenn es auf F 9, S. 285 „Don Vernando“ statt richtig „Don Fernando“ heißt, so findet sich derselbe Irrtum bereits in der Fassung Deadly dust (DH VI, S. 621), ein Indiz dafür, wie die zeitintensive Korrekturarbeit May gelegentlich im Detail auch ermüdete, sodass ihm Fehler entgingen.

Auf der anderen Seite zeigt sich der Autor wiederum penibel bis in kleinste Momente: Bei der Begegnung mit Auerbachs Gustel ist in der Hausschatz-Fassung von ihrem Bruder die Rede, der „da oben“ nach Gold sucht (DH VI, S. 629). Warum May daraus in Winnetou III den Plural gemacht hat („Er ist jetzt mit den Brüdern da oben“, F 9, S. 290), kann natürlich nicht mit Sicherheit gesagt wer-den. Dichterische Freiheit auch im Detail, aber immerhin auch Beleg dafür, dass May den Text nicht unkontrolliert

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übernahm, sondern auch Feinheiten veränderte, wenn ihm danach war.

Ein weiteres Beispiel für solche Genauigkeit findet sich dann, wenn der Ich-Erzähler Donna Elvira seine Gefährten vorstellt. In Deadly dust wird Bob korrekt als „ein schwarzer Diener“ (DH VI, S. 630) bezeichnet, in der Buchausgabe ist daraus gleich „mein schwarzer Diener“ (F 9, S. 295) ge-worden, vielleicht, damit Old Shatterhand in der Achtung der verschrobenen Donna etwas gewinnt.

Wenn Old Shatterhand dank der Güte Bernard Marshals neu eingekleidet wird, so ist in der Hausschatz-Fassung noch zu lesen, „die rechte Länge und Breite“ sei nicht gleich zu finden gewesen (DH VI, S. 631), was May in der Buchaus-gabe kurzerhand gestrichen hat (F 9, S. 302).

Die nächste und gleichzeitig letzte eingreifende Ände-rung des Autors betraf den Schluss. Der Abschied zwischen Sans-ear und Old Shatterhand, besonders aber der von Old Shatterhand und Winnetou musste neu gestaltet werden, da Winnetous Tod ja in den folgenden Kapiteln erzählt werden sollte. May hat daher den ganzen Schlussteil von Deadly dust nach dem Satz über „Jagd, Kampfspiele und andere Unterhaltungen“ (DH VI, S. 666) einfach gestri-chen und einen neuen, recht nüchternen Schlusssatz hin-zugefügt: „Dann kehrten wir nach San Francisco zurück.“ (F 9, S. 353)

Wenn wir in diesem Band der Gesammelten Werke die alte Fassung von Deadly dust (bis auf die moderne Ortho-grafie und kleinste Korrekturen unverändert) wieder auf-legen, obwohl doch Winnetou III seit langer Zeit zu den beliebtesten und erfolgreichsten Schöpfungen Mays zählt, so geschieht das auch, um dem Leser wieder einmal einen interessanten Einblick in die Werkstatt des Schriftstellers zu geben. Auch wenn May in den Text dieser frühen Erzäh-lung vergleichsweise wenig eingriff, so hat er sie doch durch seine Striche und viele neue Überleitungen in manchen Zü-

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gen anders gefasst. Ganz davon abgesehen, dass sich Deadly dust bereits in der Urversion bemerkenswert harmonisch und interessant liest.

Wer Deadly dust in der Frühfassung kennt, wird danach den Winnetou III gewiss mit anderen Augen lesen. Umge-kehrt mag man finden, dass manche ursprüngliche Ein-gebung des Dichters, die später strenger Selbstkritik zum Opfer fiel (bzw. dem veränderten Rahmen angepasst wer-den musste), ein neues Licht auf die altbekannten Ereig-nisse um Old Shatterhand, Winnetou und Sans-ear wirft, sodass es nun möglich ist, den Weg des Autors von der Ge-burtsstunde seines Old Shatterhand-Mythos zur kritischen Überarbeitung in der späteren Buchausgabe lesend mitzu-gehen und die Überlegungen des Schöpfers May ein wenig nachzuvollziehen.

Christoph F. Lorenz

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Deadly dust

1. An der großen Westbahn

Ich hatte seit dem frühen Morgen eine tüchtige Strecke zurückgelegt. Jetzt fühlte ich mich einigermaßen ermüdet und von den kräftigen Strahlen der hoch im Zenit ste-henden Sonne belästigt; daher beschloss ich, Rast zu hal-ten und mein Mittagsmahl zu mir zu nehmen. Die Prärie dehnte sich, eine Bodenwelle nach der andern bildend, in unendlicher Weite vor mir aus. Seit fünf Tagen, wo unse-re Gesellschaft durch einen zahlreichen Trupp Ogellallahs gesprengt worden war, hatte ich weder ein nennenswertes Tier noch die Spur eines Menschen bemerkt und begann nun endlich mich nach irgendeinem Wesen zu sehnen, an welchem ich erproben konnte, ob mir nicht vielleicht infol-ge des lange anhaltenden Schweigens die Sprache verloren gegangen sei.

Einen Bach oder ein sonstiges Wasser gab es hier nicht, Wald oder Buschwerk ebenso wenig; ich brauchte also nicht lange zu wählen und konnte Halt machen, wo es mir eben beliebte. Ich sprang in einem Wellental zur Erde, hobbelte1 meinen Mustang an, nahm ihm die Decke ab und stieg die kleine Bodenerhebung empor, um mich dort niederzulas-sen. Das Pferd musste unten bleiben, damit es im Fall einer feindlichen Annäherung nicht bemerkt würde; ich selbst aber musste den erhöhten Punkt wählen, um die Gegend überblicken zu können, während es nicht leicht möglich war, mich zu sehen, wenn ich mich auf den Boden legte.

Ich hatte gute Gründe, vorsichtig zu sein. Wir waren in einer Gesellschaft von zwölf Männern vom Ufer des Platte aufgebrochen, um im Osten der Felsenberge hinabzugehen nach Texas. Zu derselben Zeit hatten die verschiedenen

1 Trapperausdruck für: mit dem Lasso die Beine fesseln

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Stämme der Sioux ihre Lagerdörfer verlassen, weil einige ihrer Krieger getötet worden waren und sie nun Rache neh-men wollten. Wir wussten dies, fielen aber trotz aller List in ihre Hände und wurden nach einem harten, blutigen Kampf, in welchem fünf von uns das Leben ließen, nach allen Richtungen über die Prärie zerstreut.

Da die Indsmen1 aus unserer Fährte, die wir nicht ganz zu verwischen vermochten, wohl ersehen hatten, dass wir nach Süden gingen, so war mit Sicherheit anzunehmen, dass sie uns folgen würden. Es galt also die Augen offenzuhalten, wenn man nicht das Glück haben wollte, sich eines Abends in die Decke zu wickeln und am Morgen dann ohne Skalp in den ‚ewigen Jagdgründen‘2 zu erwachen.

Ich legte mich nieder, langte ein Stück getrocknetes Büf-felfleisch hervor, rieb es anstatt des Salzes mit Schießpulver ein und versuchte es mit den Zähnen in einen Zustand zu bringen, welcher es mir ermöglichte, die lederharte Sub-stanz in den Magen zu befördern. Dann nahm ich eine von meinen ‚Selbstgefertigten‘, steckte sie mit Hilfe des Punks3 in Brand und blies Rauchfiguren mit einem Behagen, als sei ich ein virginischer Pflanzer und rauche die mit Glanzhand-schuhen ausgezupften Herzblätter des besten Goosefoot.

Noch nicht lange hatte ich so auf meiner Serape4 gelegen, als ich, zufälligerweise hinter mich blickend, einen Punkt am Horizont bemerkte, der sich in einem spitzen Winkel mit der von mir verfolgten Richtung grad auf mich zu be-wegte. Ich schlüpfte von der Erhöhung so weit nieder, dass mein Leib durch dieselbe vollständig gedeckt wurde, und beobachtete die Erscheinung, in welcher ich nach und nach einen Reiter erkannte, der nach Indianerart weit vornüber auf dem Pferd hing.

1 Indianer2 Indianerausdruck. Bei den nordamerikanischen Wilden herrscht die grausige Sitte,

ihren getöteten oder verwundeten Feinden die Kopfhaut (Skalp) durch Zirkelschnitte vom Kopf zu trennen und dann abzuziehen. Der Skalp gilt als Siegeszeichen.

3 Präriefeuerzeug4 Decke


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